DGB: Position des DBG zur “Rente mit 67″
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
in der folgenden Abhandlung stellen wir euch die Position des DGB zum Vorhaben der Bundesregierung vor, das Renteneintrittsalter ab 2012 schrittweise auf das 67. Lebensjahr anzuheben.
Lage
Das gesetzliche Rentenalter betrĂ€gt 65 Jahre. Das tatsĂ€chliche Rentenalter liegt aber bei durchschnittlich 60,2 Jahren (VdR - “Rentenversicherung in Zeitzeichen 2002″). Nur 38 % der ĂŒber 55jĂ€hrigen haben einen Job. Bei den MĂ€nnern zwischen 60 und 65 sind es ein Drittel. Bei den Frauen betrĂ€gt der Anteil sogar nur 20 Prozent. Mehr als die HĂ€lfte der Betriebe beschĂ€ftigen keine Menschen ĂŒber 50 Jahre.
Die Höhe der gesetzlichen Rente liegt im Schnitt bei 59 Prozent vom letzten Nettoeinkommen. Wer vor dem 65. Lebensjahr in Rente geht, muss AbschlÀge von 0,3 Prozent pro Monat in Kauf nehmen. Beispiel: Ein so genannter Eckrentner (45 Beitragsjahre mit durchschnittlichem Arbeitsentgelt), der mit 65 Jahren in Rente geht, erhÀlt 1176 Euro monatlich, im Osten 1034 Euro. Wenn er mit 62 Jahren aufhört, bekommt er nur noch rund 979 Euro (im Westen; im Osten: 861 Euro). Die 45 Beitragsjahre werden aber nur von 29,8 % aller MÀnner und 10,7 Jahren aller Frauen erreicht (Zahlen von 2004).
Der Rentenversicherungsbeitrag liegt bei 19,5 Prozent. Etwa ein Drittel der Rente wird durch Steuergelder aufgebracht.
So lange arbeiten die Deutschen wirklich: Kohlenbergbau: 51,3 Jahre, Post 55,6 Jahre, Textilindustrie 56,1 Jahre, Bauhauptgewerbe 56,8 Jahre, Eisen- u. Stahlerzeugung 57,7 Jahre, Druckerei 58,5 Jahre, Bahn 59,1 Jahre, Schifffahrt 59,8 Jahre, Ăffentlicher Dienst 61,3 Jahre, Gastgewerbe 61,3 Jahre, Medien 62,3 Jahre, Dienstleistungen 65,5 Jahre (Quelle: Ruhestands-Studie Deutsches Institut fĂŒr Altersvorsorge, Februar 2006)
Geplant
Das Rentenalter soll ab 2012 schrittweise auf 67 Jahre erhöht werden. Der Prozess soll spÀtestens bis 2029 abgeschlossen werden. Ab 2012 wird das Rentenalter um jeweils einen Monat nach hinten verschoben, danach sechs Jahre lang jeweils um zwei Monate. Dadurch will die Bundesregierung die Rentenkassen entlasten, den Beitragssatz unter 20 % und den Bundeszuschuss stabil halten.
Position des DGB
Statt das gesetzliche Rentenalter heraufzusetzen, sollte erst das tatsĂ€chliche Rentenalter erhöht werden, das bei 60,2 Jahren liegt. Die Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre bedeutet aufgrund der AbschlĂ€ge eine kaschierte RentenkĂŒrzung, ohne dass dadurch die strukturellen Probleme fĂŒr die Rentenkasse gelöst wĂŒrden. Es darf nicht sein, dass diejenigen, die wegen fehlender Stellen nicht mehr arbeiten können, mit Rentenabzug bestraft werden.
Im Zitat von Ursula Engelen-Kefer: “Rund 1,3 Millionen Menschen ĂŒber 50 Jahre sind arbeitslos, nur knapp 40 % der ĂŒber 55jĂ€hrigen haben einen Job. Bevor das Rentenalter heraufgesetzt wird, mĂŒssen deshalb erst die BeschĂ€ftigungschancen fĂŒr Ăltere erhöht werden. Sonst lĂ€uft die Erhöhung des Rentenalters auf eine reine RentenkĂŒrzung hinaus. Es kann nicht sein, dass eine Entlassung im Alter auch noch durch RentenkĂŒrzung bestraft wird. Anstelle der weitgehend wirkungslosen Hartz-Reformen, die nur auf kurzfristige Weiterbildung oder Ein-Euro-Jobs setzen, brauchen wir fĂŒr Ăltere öffentlich geförderte sozialversicherungspflichtige BeschĂ€ftigung. Ein solcher ehrlicher zweiter Arbeitsmarkt ist der Illusion einer umfassenden Integration Ă€lterer Arbeitnehmer in den ersten Arbeitsmarkt vorzuziehen. Wir mĂŒssen auĂerdem die Unternehmen stĂ€rker in die Pflicht nehmen. Es ist skandalös, dass sich viele Unternehmen auf Kosten der Ălteren und des Sozialstaats entlasten. Wir brauchen daher eine Erstattungspflicht der Unternehmen fĂŒr alle BeschĂ€ftigten ab 55 Jahren, die auf Kosten der Sozialkassen entlassen werden.”
Der DGB schlÀgt vor
Das tatsĂ€chliche Rentenalter könnte durch folgende MaĂnahmen erhöht werden:
* Ăber die HĂ€lfte aller Betriebe beschĂ€ftigen keine Arbeitnehmerinnen und -nehmer ĂŒber 50 Jahren. Die Arbeitgeber mĂŒssen daher zunĂ€chst einmal ihre Einstellung zu Ă€lteren BeschĂ€ftigten Ă€ndern. Durch GesundheitsprĂ€vention, Fortbildung, Teilzeitarbeit können sie selbst viel tun, damit die BeschĂ€ftigten lĂ€nger leistungsfĂ€hig sind.
* Die Bundesanstalt fĂŒr Arbeit sollte verstĂ€rkt Fortbildung von Ă€lteren Arbeitnehmern finanzieren. Je mehr Ăltere auf dem Laufenden bleiben, desto höher ist die Bereitschaft der Arbeitgeber, sie zu halten. AuĂerdem sollte das Instrument der Job-Rotation vereinfacht werden.
* Ausweitung der tarifvertraglichen Regelungen zu Lebensarbeitszeitkonten. Das entspricht den BedĂŒrfnissen vieler Ălterer, in den letzten Arbeitsjahren Teilzeit arbeiten zu können. Gleichzeitig muss geregelt werden, wie die Ăberstunden im Falle der Insolvenz eines Unternehmens vergĂŒtet werden.
* Mehr gesundheitliche PrĂ€vention in Betrieben und Verwaltungen sowie Ausbau des Arbeitsschutzes. Alle ArbeitsplĂ€tze mĂŒssen regelmĂ€Ăig darauf untersucht werden, ob sie gesundheitliche SchĂ€den hervorrufen oder verstĂ€rken.
* Vermeidung von Vorruhestand durch verschĂ€rfte MissbrauchsbekĂ€mpfung. Arbeitgeber, die Ă€ltere Arbeitnehmer in den “Vorruhestand” entlassen, mĂŒssen der Bundesagentur fĂŒr Arbeit (BA) einen Teil der Kosten der Arbeitslosigkeit erstatten. Dieses Instrument galt bereits bis zum 1. Februar 2006, wurde dann aber abgeschafft. Dabei ist es dringender denn je. In seiner bisherigen Form war die Erstattungspflicht allerdings nicht besonders erfolgreich. Bedingt durch zahlreiche Ausnahmeregelungen griff sie nur bei einem Prozent aller FrĂŒhverrentungen. Die Erstattungspflicht muss daher auf alle ĂŒber 55-jĂ€hrigen ausgeweitet werden, die auf Kosten der Sozialsysteme entlassen werden.
* AuĂerdem schlĂ€gt der DGB vor, den Ausbau der Rentenversicherung zu einer Allgemeinen Solidarversicherung (auch ErwerbstĂ€tigenversicherung genannt) zu prĂŒfen, die auch SelbstĂ€ndige, Beamte, Politiker sowie geringfĂŒgig BeschĂ€ftigte einschlieĂt. Dadurch könnten die Einnahmen in die Rentenkasse erheblich erhöht werden.
Was andere sagen
BundesprÀsident Horst Köhler, Welt, 7.12.05:
“Was ist das fĂŒr ein Land, in dem wir bald bis 67 arbeiten sollen, in dem aber viele schon mit 50 keine Stelle mehr finden, weil die Unternehmensleitungen eine vergreisende Belegschaft befĂŒrchten oder weil sie vorrechnen, Ă€ltere Mitarbeiter kosteten sie zu viel? Da muss man sich mehr einfallen lassen.”
Zum Vorschlag, die Rente mit 67 noch schneller einzufĂŒhren, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU): “Ich finde, wir sollten in der Politik einmal lernen, gefasste BeschlĂŒsse auch einzuhalten und nur dann zu verĂ€ndern, wenn sich die Situation grundlegend verĂ€ndert”. (SZ, 30.1.06)
