Globalisierung: Fluch und Segen zugleich

g8-gipfel.jpgLiebe Kolleginnen und Kollegen,
im Vorfeld des G 8 Gipfels in Heiligendamm haben wir dem Anlass entsprechend, eine grundlegende Abhandlung zum Thema der zunehmenden Globalisierung von Dierk Hirschel, Chefökonom des DGB, für euch bereitgestellt. In seinem Beitrag wird sehr deutlich Pro & Contra der zunehmenden Globalisierung näher beleuchtet. Insbesondere die Rolle von Gewerkschaften im Prozess der Globalisierung ist ein zentrales Thema seiner Abhandlung.
Die Globalisierung hat unter ArbeitnehmerInnen einen schlechten Ruf. Viele Beschäftigte verbinden mit einer grenzenlosen Ökonomie nur steigende Arbeitslosigkeit, Lohnverzicht und schlechtere Arbeitsbedingungen – dabei gehört Deutschland zu den Gewinnern der verstärkten internationalen Arbeitsteilung.

Über ein Jahrzehnt hinweg haben Politik, Wissenschaft und Arbeitgeber hierzulande ein Zerrbild der Globalisierung gemalt. Ein Mehr an internationaler Arbeitsteilung wurde als Zwang zur globalen Angleichung von Löhnen und Preisen dargestellt. Unsere Löhne würden künftig in Peking verhandelt und die Steuersätze in Tallinn festgelegt, so die Botschaft. Die Globalisierung wurde zur Drohkulisse aufgebaut. Währenddessen reibt sich das Ausland verwundert die Augen, denn Deutschland ist unter den führenden Industrienationen der Globalisierungsgewinner par excellence. Der Handelsüberschuss umfasst fast fünf Prozent des Sozialproduktes. Die Außenwirtschaft verantwortete in den letzten Jahren zwei Drittel des Wirtschaftswachstums. Die Exportindustrie schuf seit Mitte der 90er Jahre 2,4 Millionen neue Arbeitsplätze.

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Der Autor, Dierk Hirschel, Chefökonom des DGB
Der Wandel der Weltwirtschaft hat unserer Volkswirtschaft nicht geschadet. Der Welthandel hat sich zwischen und innerhalb der drei großen Wirtschaftsblöcke verdichtet. Gehandelt werden überwiegend kapitalintensive Güter. Der Anteil der Billigimporte liegt hierzulande unter fünf Prozent. Produktdifferenzierung und Größenvorteile und nicht Arbeitskosten treiben den modernen Handel. Länder mit großen industriellen Clustern profitieren überproportional.

Die Investitionen folgen dem Handelsmuster. Zwei Drittel der Investitionen gehen in die Industrieländer. Dort werden die Wertschöpfungsketten neu strukturiert und internationale Produktionsnetzwerke aufgebaut. Dies stärkt die Wettbewerbsfähigkeit. Für deutsche Auslandsinvestitionen spielen Markterschließungsmotive eine wichtige Rolle. Deswegen stabilisiert die Auslandsproduktion die heimische Beschäftigung. Natürlich gibt es auch gegenläufige Trends: In der Bekleidungs-, Sportartikel- und Spielzeugindustrie entwickeln sich die grenzüberschreitenden Unternehmensnetzwerke entlang internationaler Lohnunterschiede. Heimische Arbeitsplätze gehen verloren. Aber unter dem Strich sind in Deutschland durch die Globalisierung mehr Arbeitsplätze entstanden als verloren gegangen.

Woher kommt dann die Angst der Beschäftigten vor der Globalisierung? Alles nur falsches Bewusstsein? Nein, Deutschland ist zwar Globalisierungsgewinner, die Wohlstandsgewinne werden aber ungleich verteilt. Die Globalisierung hat das Kräfteverhältnis zwischen Arbeit und Kapital verschoben. Globale Produktionsnetzwerke verschärfen den unternehmensinternen Standortwettbewerb. Der kapitalmarktorientierte Unternehmensumbau fördert das kurzfristige Profitstreben. Weil auf liberalisierten Kapitalmärkten selbst Firmen zu einer Ware werden, nimmt der Druck auf Löhne und Arbeitsbedingungen beständig zu.

Schuld dafür haben aber nicht fleißige Chinesen und Inder, sondern es ist die Politik. Sie hat es versäumt, die Globalisierung sozial zu gestalten. Ein Mehr an Freihandel erfordert einen Ausbau des Wohlfahrtsstaates und ein Mehr an internationaler Zusammenarbeit. Gesellschaftliche Akzeptanz für die Härten des globalen Wettbewerbs gibt es nur, wenn den Verlierern die Hand gereicht wird. Nicht Lohnsenkungen und das Nagelbrett für Arbeitslose, sondern Bildungs-, Qualifizierungs- und Arbeitsmarktpolitik sowie Mindestlöhne sind die richtigen Antworten auf eine rückläufige Nachfrage nach einfacher Arbeit.

Vor allem aber braucht die Globalisierung gewerkschaftliche Gegenmacht. Die große Herausforderung besteht darin, die neuen betrieblichen Spaltungslinien – Werksbelegschaften im Standortwettbewerb, Stamm- gegen Randbelegschaften – zu überwinden. Die Aufwertung der Betriebspolitik kann ein Schritt in die richtige Richtung sein. Und eine Stärkung des Flächentarifvertrags könnte den Fall der Löhne ins Bodenlose verhindern. Darüber hinaus steht eine Internationalisierung der Tarif- und Mitbestimmungspolitik auf der Tagesordnung. Eine länderübergreifende Vernetzung der Betriebsratsarbeit – entlang den Liefer- und Wertschöpfungsketten – wäre hierfür zentral. Ob die Gewerkschaften das durchsetzen können, entscheidet mit über die Zukunft der Globalisierung. Denn ohne eine politische Gestaltung hat die Öffnung der Märkte bald keinen gesellschaftlichen Rückhalt mehr.

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