Polizeitraining – Kompetent handeln!

Lange erwartet und seit dem 17. Juni in Kraft gesetzt: Die Konzeption Polizeitraining. Doch was heißt das genau? „Das bedarfsgerechte, funktionsbezogene und fächerübergreifende Training, der in der Ausbildung erworbenen polizeilichen Grundbefähigungen.“, lautet die Konzeption. „Das Polizeitraining soll die Handlungskompetenz, die Durchführung polizeilicher Eingriffsmaßnahmen und die Bewältigung eskalierender Lagen verbessern.“, heißt es weiter.

Einsatzmäßiges Schießtraining gem. PDV 211

Einsatzmäßiges Schießtraining gem. PDV 211

Polizeitraining – Inhalte

Grundsätzlich ist die Teilnahme am Polizeitraining für alle Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte der Bundespolizei verpflichtend. Dafür ist ein Zeitansatz von 84 Stunden pro Jahr und Beamtem vorgesehen. Die Stunden teilen sich auf die folgenden 3 Bereiche auf:

1.) Situationstraining einschließlich Einsatztraining 46,5 Stunden
2.) Schießfortbildung 7,5 Stunden
3.) Innerdienstlicher Sport (i.d.R. 3 Stunden/Monat) 30 Stunden

Einzige Ausnahme: Beamte, in deren Tätigkeitsbereich keine polizeilichen Eingriffsmaßnahmen fallen, führen lediglich 16 Stunden Situationstraining einschließlich Einsatztraining durch.

Polizeitraining – Wieso eigentlich?

Um dem immer anspruchsvolleren Polizeialltag selbstbewusst und handlungssicher entgegenzutreten wurde das Polizeitraining konzipiert.
Praktisch gesehen ist das Polizeitraining eine dauerhafte Weiterbildung für alle Kolleginnen und Kollegen. Der polizeiliche Alltag ändert sich ständig. Was in der Ausbildung gelernt wurde reicht teilweise nicht mehr aus oder ist einfach zu lange her.

Wissen vermitteln, Praxis erfahren

Interne Kommunikation, Polizeigesprächsstellung (PGS), Vier-Hände-Regel, Distanz- und Deckungsverhalten: Fachbegriffe, die jeder Beamte kennen und handlungssicher durchführen können sollte. Sie prägen den praktischen Schwerpunkt des polizeilichen Handelns. Ihr kompetentes Durchführen sichert im Ernstfall das eigene Leben. Das Polizeitraining schult und aktualisiert unter anderem derartige Schwerpunkte einer polizeilichen Alltagssituation. Polizeitraining wirkt dadurch wie eine unsichtbare „schusssichere Weste“.

Beamte der BPOLI Münster trainieren Festnahmetechniken

Beamte der BPOLI Münster trainieren Festnahmetechniken

Die praktische Durchführung

Mittlerweile hat wohl jeder Beamte erste Erfahrungen mit dem Polizeitraining gesammelt. Am Beispiel der Bundespolizeiinspektion Münster kann sich jeder einen Eindruck von den ersten Schritten machen.

Aufwendig und umfangreich lassen sich die ersten Maßnahmen beschreiben. Denn was sich auf dem Papier leicht anhört, erwies sich in der Praxis problematisch: 84 Stunden Polizeitraining in bereits durchgeplanten Fortbildungstagen unterzubringen, mit einheitlichen Standards, neuen Trainingsstätten und dazu noch in einer Flächeninspektion mit 5 Dienstgruppen, entpuppte sich als echte Herausforderung.

Schritt 1 beschäftigte sich mit der zeitlichen Einteilung. Vor Einführung der Konzeption standen zwei Fortbildungstage innerhalb eines Fünf-Wochen-Schichtdienstplans zur Verfügung. Hinzu kamen Fortbildungszeiten für die Führungsgruppe und den Ermittlungsdienst, der nicht nur im Inspektionssitz Münster vertreten ist, sondern ebenfalls auch mit einigen Mitarbeitern im Revier Bielefeld.

Es galt letztlich eine Struktur zu finden, mit der allen Mitarbeitern 84 Stunden Polizeitraining angeboten werden konnte, egal in welchem Standort der Bundespolizeiinspektion Münster sie ihren Dienst versehen.

Die Lösung kam in Form einer vorläufigen Rahmenvorgabe. Sie gibt vor wann und wo das Polizeitraining stattfindet. Ergänzt wird sie durch einen internen Fortbildungskalender. Insbesondere im Bereich des Einsatztrainings werden dadurch einheitliche Standards innerhalb der Inspektion vermittelt.
Diese Rahmenvorgabe ist zunächst ein Testlauf bis zum 30. Juni dieses Jahres. Eine anschließende interne Analyse wird zeigen, wo Verbesserungen nötig sind, um einen reibungslosen Ablauf des Polizeitrainings gewährleisten zu können.

Schritt 2 beschäftigte sich mit der Bereitstellung akzeptabler Trainingsstätten. Was man bereits jetzt mit Sicherheit sagen kann: Trainingsstätten, sowohl im Bereich der Schießfortbildung, als auch im Bereich des Situations- und Einsatztrainings müssen noch verbessert werden. Eine präzise Raumbedarfsermittlung wird ebenfalls durch die interne Auswertung der Analyse ermittelt werden.

Beispielweise sind in der Bundespolizeiinspektion Münster unterschiedlich gut ausgestattete Trainingsstätten vorhanden. Im Bereich des Reviers Paderborn, ca. 150 km vom Inspektionssitz Münster entfernt, befindet sich ein interaktives Schießkino und ein professionelles Sportzentrum für Einsatztraining und Dienstsport. Allerdings werden diese Trainingsstätten nur von den Mitarbeitern der Reviere Bielefeld, Paderborn und dem Dienstverrichtungsraum (DVR) Paderborn Flughafen genutzt. Grund dafür ist die zu lange Fahrzeit für Beamte aus den anderen Revieren der Bundespolizeiinspektion Münster. Ein weiterer Grund: Die Trainingsstätten lassen es nicht zu mit einer Dienstgruppenstärke von bis zu 50 Beamten anzutreten.

Trainingscenter in Paderborn

Trainingscenter in Paderborn

Nachteile haben derzeit deshalb das Revier Münster mit dem DVR Flughafen Münster/ Osnabrück und das Revier Hamm. Bei schlechter Witterung kann keine Schießfortbildung stattfinden, denn alle vorhandenen Schießstände sind „offene“ Schießstände. Auch eine Sporthalle steht bisweilen nur für zwei Stunden pro Woche zur Verfügung.

"Offener" Schießstand in Münster

"Offener" Schießstand in Münster

Das Polizeitraining kann bedingt dadurch, innerhalb des Testlaufs, nur in Form einer Basisfortbildung stattfinden.

Der 3. Schritt beschäftigte sich mit der Bereitstellung von professioneller Ausstattung und tut es leider noch. Zum Beispiel Schutzausstattung, Therabänder oder Nordic- Walking Stöcke. Zur Durchführung eines professionellen Einsatztrainings, einer adressatengerechten und modernen Sportfortbildung oder einer professionellen Schießfortbildung ist professionelle Ausstattung ein Muss. Notwendige Änderung der Ausstattungsnachweise (AN) sind dazu unabdingbar und hätten sicherlich zeitgleich mit der Einführung der Konzeption Polizeitraining erscheinen müssen.

Entsprechend schwierig ist es, notwendige aber bisweilen nicht im Ausstattungsnachweis aufgeführte Ausstattung, bei der zuständigen Bundespolizeidirektion zu erhalten.

Schießkino in Paderborn

Schießkino in Paderborn

Entsprechende Kosten entstehen zurzeit in der Inspektion Münster durch den Transport der vorhandenen Ausstattung in die unterschiedlichen Trainingsstätten, die wie erwähnt teilweise bis zu 150 km auseinander liegen. Eine schnelle Entscheidung auf Änderung der AN in Verbindung mit der Konzeption Polizeitraining wird auch deshalb von der Inspektion Münster unterstützt.

Ausbildung contra Mangelsituation

Heimerzheim, Neustrelitz, Eschwege, Oerlenbach oder Walsrode: Die Modulausbildung zum Polizeitrainer ist im vollen Gange. Auch Münster ist mit mehreren angehenden Polizeitrainern beteiligt. Mit mittlerweile drei ausgebildeten Polizeitrainern ist die Bundespolizeiinspektion Münster zurzeit noch immer nur durchschnittlich bestückt.
Über zusätzlich insgesamt 22 Schießausbilder, fünf Einsatztrainer, zehn Sportübungsleiter, zwei Prüfer im Schwimmen und Retten und einem TASK- Trainer verfügt Münster weiterhin über qualifiziertes Personal, das teileinheitsübergreifend eingesetzt wird. Organisiert und koordiniert wird dies durch den Bereich A/F in Absprache mit den jeweiligen Teileinheitsführern und natürlich auf freiwilliger Basis mit den Trainern. Es wird darauf geachtet, dass die Fortbildungen im Rahmen des Polizeitrainings grundsätzlich durch mindestens zwei Trainer durchgeführt werden.

Der Schwerpunkt des Polizeitrainings liegt im Bereich des Situationstrainings. Die Durchführung der Situationstrainings stellt sich allerdings schon als weitaus schwieriger dar. Nicht nur die Planung und Vorbereitung der unterschiedlichen Situationen für das Situationstraining erfordern umfangreiche Recherchen, sondern auch die Durchführung der Situationstrainings muss von einem qualifizierten Polizeitrainerteam vorgenommen werden. Dieses sollte mindestens aus 3 Beamten bestehen.

Der erste Polizeitrainer wird als polizeiliches Gegenüber in Situationsdarstellungen eingesetzt. Je nach Situation sind sogar mehrere Polizeitrainer notwendig. Ein weiterer Polizeitrainer sollte als Kameramann eingesetzt werden. Ein dritter Polizeitrainer muss sich in den „gespielten Situationen“ Notizen zum anschließenden Auswerten und Besprechen machen. Mit dieser erforderlichen Besetzung stößt die Inspektion Münster schnell an ihre Grenzen.

Identitätsfeststellung im Rahmen eines Situationstrainings

Identitätsfeststellung im Rahmen eines Situationstrainings

Polizeitrainerhandbuch für einheitliche Standards

Das Trainerhandbuch Polizeitraining ist ein Lehrbuch für Polizeitrainer und auch eine Hilfestellung für die Durchführung des Polizeitrainings zugleich.
Es gliedert sich in verschiedene Abschnitte.
Im Abschnitt Einsatztraining werden zum Beispiel verschiedene Angriffs- und Verteidigungstechniken ausführlich erklärt und größtenteils mit Bildern dargestellt.
Dadurch wird für die Polizeitrainer eine Möglichkeit geschaffen, sich gezielt vor einer entsprechenden Fortbildung auf den Inhalt professionell vorzubereiten und die verbindlichen Durchführungshinweise unterschiedlicher polizeilicher Eingriffstechniken kompetent weiterzugeben. Eine offizielle Version des Handbuchs ist zurzeit aber noch nicht verfügbar.

Training von Grundschlägen beim Einsatztraining

Training von Grundschlägen beim Einsatztraining

Fazit Polizeitraining – ein Meilenstein in der Fortbildung!

Dauerhafte Weiterbildung für kompetentes Handeln ist die zentrale Aufgabe des Polizeitrainings. Sowohl der geübte Umgang mit den unterschiedlichen und neuen Einsatzmitteln, als auch das sichere Handeln in Stresssituationen muss immer wieder trainiert werden.

Die vorläufige Rahmenvorgabe in der Bundespolizeiinspektion Münster gibt derzeit die Struktur des Polizeitrainings vor. Sie wird am Ende des Testlaufs aufdecken, wo in der Praxis Verbesserungspotential besteht.

Auf Ausbildungs-Seite bleibt zu hoffen, dass 2010 genügend Polizeitrainer zur Verfügung stehen werden. Das ist Voraussetzung um Situationstrainings zukünftig überhaupt durchführen zu können. Diese verantwortungsvolle Doppelfunktion sollte nicht unterschätzt, sondern entsprechend honoriert werden. Besonders Dienstvorgesetzte können einen großen Teil dazu beitragen, denn das Polizeitraining ist eine Führungsaufgabe.

Einsatztraining in Paderborn

Einsatztraining in Paderborn

Noch steckt das Polizeitraining in den Kinderschuhen. Deshalb muss es im Rahmen der Neustrukturierung weiterhin besonders gefördert werden. Entsprechend regelmäßige Öffentlichkeitsarbeit durch die Bundespolizeiakademie würde auf den Dienststellen für Akzeptanz, Verständnis und neuen Schwung sorgen.

Daniel Moge
Polizeitrainer
BPOLI Münster

Share

Themenbereich: Über den Tellerrand | Drucken