11. März 2010

Von Jörg Radek, Mitglied des GdP-Bundesvorstandes: Der berühmte deutsche Soziologe Max Weber forderte zu Beginn des 20. Jahrhunderts für den staatlichen Bereich eine bürokratische Organisation. Im Sinne von Weber sind Amts- und Autoritätshierarchie bzw. Kompetenz- und Arbeitsteilung klar strukturiert und festgelegt. Viele von Webers Gedanken prägen heute noch die Verwaltung. Und damit auch die Polizei.Seinem Modell einer bürokratischen Ordnung wurde im Zuge des Dauerthemas Verwaltungsmodernisierung seit Anfang der 90-er Jahre die Absicht der „Neuen Steuerung“ entgegengestellt.
Eine Welle von Konzepten des modernen Managements erreichte die Bundespolizei zum Jahrtausendwechsel. Erfahrungen und Erkenntnisse aus den Landesbehörden wurden dabei ausgeblendet!
Diese Ignoranz vernachlässigt zwei Grunderkenntnisse aller Bemühungen mit modernen Management–Konzepten die Abläufe in der Polizei zu straffen.
Erstens: Keine Verwaltungsreform widmet sich dem Spannungsverhältnis zwischen Parlament und Verwaltung!
Die Polizei ist der politischste Teil der Verwaltung. Nicht zuletzt durch die Ausübung des Gewaltmonopols. Die Bürger und Bürgerinnen erheben Ansprüche hinsichtlich ihres Sicherheitsgefühls. Politik, die sich in einer parlamentarischen Demokratie widerspiegelt, muss dem Rechung tragen. So unterliegt die Verwaltung der parlamentarischen Steuerung.
Es wäre lohnenswert zu überdenken, in wieweit Ziele - mit welchen Mitteln und Nebenwirkungen - erreicht wurden. Diese Überlegungen führen an dieser Stelle dann doch zu weit.
Zweitens: Wichtiger ist es im Auge zu behalten, wie die Beschäftigten derartige Prozesse erleben!
Wir alle sind, - mehr als uns bewusst ist -, geprägt von Gewohnheiten und Erfahrungen.
Umstrukturierungsmaßnahmen greifen hier ein. Diese Eingriffe wecken Ängste und Befürchtungen. Wohin führt Qualitätsphilosophie, die sich umfassend an der Kundenzufriedenheit, - mit zielorientierter Führung und der Schaffung eines ent-sprechenden Arbeitsumfeldes -, orientiert? Die Protagonisten Malorny und Kamiske beschreiben in ihrer jeweiligen Literatur diese Pfade und Wege.
Auf diesen Wegen sollten die Beschäftigten mitgenommen werden. Aber nicht als „Sherpas“!
Zur Erreichung der Ziele der Organisation sind in einer Polizei Menschen erforderlich. Es entspricht einer negativen Haltung, zu unterstellen, unsere Kolleginnen und Kollegen hätten nur Besitzstände zu verteidigen und würden Beharrungsvermögen diesbezüglich an den Tag legen. Wer so argumentiert, verneint das Erfahrungs- und das Organisationswissen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihren Dienststellen.
Im Umgang mit ihnen offenbart sich das Menschenbild, auf das sich das Führungsverhalten gründet.
Es darf deshalb nicht verwundern, dass über “Personalmangement”,”Leitbild”,”Motivation” oder “Kooperatives Fühurngssystem nur als “Worthülsen” -Kultur gespöttelt wird.
Es reicht eben nicht aus, im Bücherregal im Dienstzimmer, die Literatur der Autoren Rupert Lay, Wolfgang Uhlendorff oder Reinhard Sprenger dekorativ aufgestellt zu haben.
Für eine umfassende Beschäftigtenbeteiligung an diesem Modernisierungsprozess ist zunächst Transparenz herzustellen, um Ängsten, Unbehagen und Befürchtungen zu begegnen.
Zu Beginn aller Bemühungen ist sehr viel Zeit darauf zu verwenden, Ziele und Absichten zu verdeutlichen. Bleibt die Aufklärung über den Sinn und Zweck von Modernisierung aus, empfinden die Beschäftigen sich nur noch als „Störfaktor“.
Althergebracht wird der „Faktor“ Mensch mit seinem Einsatzwillen in ein starres Korsett von Routine und Mitzeichnungsleiste gepresst. Die Modernisierung der Verwaltung muss gegen Strukturen zielen, die uns zwingen, bürokratisch und unflexibel zu verhalten.
Durch Selbstaufschreibungsprozesse, Berichtswesen und Gremienarbeit wurde leider eine Modernisierungsbürokratie geschaffen.
Herzlichen Glückwunsch an den Autor. Der Text trifft es auf den Punkt.
Eintrag von Aufsteiger am 11.März 2010
Schöne Worte die zum Text zusammengefasst wurden. Dem Autor ist es sehr gut gelungen!
Doch Worte interessieren die Politik nicht, und der Bürger ist es Leid ständig “leere Worthülsen” zu hören.
Eintrag von BKE PVB am 12.März 2010
Das sollte “Fasanenliteratur” werden! Wir Bundespolizisten sind Menschen und wollen so behandelt werden. Krankhafte Gebilde ala Visionen brauchen wir nicht. Ich brauche mein soziales Umfeld, ich kenne genug Kollegen, deren soziales Umfeld ist nur noch der Alkohol. Und soziale Umfelder lassen sich nicht beliebig an jedem Ort in kurzer Zeit “errichten”. Das sind auch Menschen, die man nicht ein- und ausschalten kann wie eine Lampe.
Eintrag von Streifenhörnchen am 12.März 2010
Hallo Jörg,
vielen Dank, daß ihr euch des Themas nunmehr endlich auch wieder einmal öffentlich angenommen habt. (Daß Ihr/wir da dran sind, weiß ich zwar, aber weiß das auch die Basis?)
Tatsächlich bin ich der festen Überzeugung, dass sehr viele unserer momentanen Probleme nicht unbeträchtlich auf die vollkommen unreflektierte Übernahme von Theorien und Praktiken der sogenannten “freien Wirtschaft” zurückzuführen sind! Und zwar zum einen aufgrund der Tatsache, dass diese sich nicht 1:1 auf die öffentliche Verwaltung übertragen lassen , schon garnicht auf die Polizei, die, wie Du richtig schreibst, die politischste aller Verwaltungen darstellt, (Obwohl sehr viele unserer “Manager” offenbar genau dieses in den falschen Hals bekommen haben), zum anderen, weil die besagte “freie Wirtschaft” schon lange von dem einen oder anderen bei uns zur Zeit en vogue befindlichen Element wieder Abstand genommen und Begriffe wie “Führungskontinuität”, “Erfahrung” und dergleichen mehr für sich wiederentdeckt hat.
Unserer Führung möchte man angesichts des angerichteten Chaos als Mahnung auf den Weg geben: “Gewollt ist nicht gekonnt!”
Vielleicht muss man aber auch einfach abwarten, bis irgendjemand den früheren, in jeder Hinsicht erträglicheren Zustand als bahnbrechende Neuheit unter möglichst wissenschaftlich klingender Bezeichnung neu “auf den Markt” bringt. -
Dann können zumindest wir als alte Säcke uns zurücklehnen und wissend grinsen….
Gruß Gerhard
Eintrag von Gerhard Medgenberg, KG Weil am 12.März 2010
Hallo werter Jörg Radek!
Ich bin mir sicher, dass Max Weber nicht komplett gelesen wurde, vor allem nicht “Die sechs Prinzipien einer bürokratischen Organisation (Weber, 1946; nach Shafritz und Ott, 2001, S. 73-74)”.
Ich zitiere nur mal Auszugsweise, den Rest kann Frau und Mann / Kolleginnen und Kollegen gerne selbst nachlesen!
Auszug aus o.g. Quelle: “… Am Beispiel der öffentlichen Verwaltung können Typische Dysfunktionen des bürokratischen Systems aufgezeigt werden. Die öffentliche Verwaltung als System der “organisierten Unverantwortlichkeit” bezeichnet, in dem keine hinreichenden Anreize für wirtschaftliches Handeln vorhanden sind. Außerdem erfolgt die Anpassung an politische Veränderungen nur schleppend und ungenügend, da das bürokratische System mit der Fülle an schriftlichen Regeln rigide und starr ist. Als typische Dysfunktionen des Systems werden zumeist folgende erwähnt:
- Entscheidungswege und - strukturen sind festgefahren…
- Ein betriebswirtschaftliches Verständnis fehlt…
- In der öffentlichen Verwaltung herrscht eher eine Misstrauenskultur und Mißerfolgsvermeidung vor anstatt Vertrauenskultur und Erfolgssuche. …
- Der einzelne Mitarbeiter hat kaum Gestaltungsmöglichkeit für die eigenen Aufgaben. … Seine Kreativität und Engagement werden unzureichend genutzt.
- etc…
Eintrag von Einer der gelesen hat am 12.März 2010
Eintrag von Einer der gelesen hat am 12.März 2010
…und was willst Du uns damit sagen? - Dass Max Weber vielleicht doch ein Vordenker der neuen Steuerungsmodelle war?
Selbstverständlich ist die Verwaltung nach wie vor verbesserungsfähig und auch -bedürftig!
Erstens war die Zitierung von Max Weber für Jörg vermutlich lediglich ein entsprechendes Intro und zweitens wird doch wohl niemand behaupten wollen, dass die vielgelobten NSI bislang auch nur ein einziges von Max Weber genanntes Problem auch nur minimiert, geschweige denn beseitigt hätten!
Darüber hinaus geht es auch nicht um die entsprechende Auslegung der Erkenntnisse von Max Weber, sondern um die Erkenntnis, dass wir uns auf einen Holzweg begeben haben und schleunigst umsteuern sollten!
Zur Verfestigung dieser Erkenntnis jedoch sind Jörgs Anmerkungen jedoch nicht nur geeignet, sondern sollten im Gegenteil Pflichtlektüre für alle (Möchtegern-) Führungskräfte sein!
Der-die-Faxen-dicke-hat
(wenn ich einen Nick verwenden würde…)
Eintrag von Gerhard Medgenberg, KG Weil am 14.März 2010
Der-die-Faxen-dicke-hat (wenn du einen Nick verwenden würdest…)
Geanu das wollte ich damit vorstellen!
Damals schon hat einer -Max Weber- erkannt, dass wir die Verwaltung auf dem Holzweg begeben haben und es niedergeschrieben. Viele unserer Manager habe es wohl gelesen und erkannt, niemand hat was dagegen getan… alle brav dem vordermann hinterher, schön dicht beieinander, dass er ihm schon fast in den Allerwertesten gekrochen ist.
Was will ich damit sagen? Einfach. Gefahr erkannt, aber nicht gebannt!
Auch für mich war der Aufsatz von Max Weber, nicht nur vermutlich, lediglich der Anstoß um auf Jörg’s Intro zu antworten.
Ein wenig wirr, was? Ja, so ist es nun mal bei Max Weber.. Wirr, aber mit Konsens!
Fakt ist nur, und es ist erkennbar, dass sich unserer Verwaltung genau wie oben von mir zitiert wiedergibt!
VG
Eintrag von Einer der gelesen hat am 14.März 2010
Zitat:
“Die öffentliche Verwaltung als System der “organisierten Unverantwortlichkeit” bezeichnet”
Die “organisierte Unverantwortlichkeit”.
Treffender hätte man die BuPo des Jahres 2010 wohl nicht bezeichnen können.
Es ist unglaublich wie viele sich in der BuPo für Verantwortung bezahlen lassen aber nicht im Traum daran denken diese auch auszuüben.
Manch einer wünscht sich mal wieder den alten Grenzschützer, der polternd eine Entscheidung fällt.
Ob richtig oder falsch spielt keine so große Rolle, aber er fällt eine.
Eintrag von Dr. Seltsam am 14.März 2010
@Einer der gelesen hat: In der Bewertung der Lage stimmen wir wahrscheinlich über ein. Max Weber`s Werk setzt nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches ein.An Aktualität haben seine Ausagen zur Politik, Parlament, Fachbeamten und deren Wirken nicht verloren. Ganz im Gegenteil, wenn wir den Bericht an den Innenauschuß oder den BRH - Bericht nehmen, ist er aktueller denn je. Die Versuche die Organisation von Staat und Verwaltung zu modernisieren , muss man in der Tat das Gesamtwerk von Weber kennen.Doch ist es unerheblich ob Max Weber oder Niklas Luhmann unsere Organisationen von Staat und seiner Verwaltung beschreiben.
Deutschlands meistgelesener Managementautor Dr.Reinhard Sprenger drückt es wie folgt aus: “Die Menschen sind immer die richtige. Die Organisationen sind die falschen. Und es ist ein Missverständnis, zu meinen, man könne die Spannungen mit floskelhaften Werten, Visionen und Leitbildern lösen.”
Mit den besten Grüßen und Wünschen für die neue Arbeitswoche.
Jörg Radek
Eintrag von radek am 14.März 2010
@Jörg, by the way… Max und Niklas haben m. E. die Zeit einfach zurückgedreht und die heutige Problematik bereits damals erkannt.
Ich bin mir sicher, wir meinen das selbe und wissen wovon wir reden. Letztendlich bringt es nichts, und wie du zitiert hast, “ist der Mensch immer der Richtige”.
Vergleiche ich es jedoch mit unserer nichtvorhandenen “2-Klassengesellschaftsstruktur” in der BPOL, so sind einige Menschen in vielen Positionen die Falschen… da beist die Maus keinen Faden ab. Und genau diese, und das sollte oberste Priorität sein, müssen Plat für die Richtigen machen.
Wir können Reden, und Reden, und Reden… aber nichts passiert.
Mir (und vlt auch mehr) stellen sich immer dre8 Fragen:
1. Wieso geschieht nichts?
2. Was muss noch geschehen?
3. Wie oft und wie lange muss noch geprüft und gerechnet werden?
In diesem Sinne eine stressfreie und angenehme Woche
-Einer der gelesen hat-
Eintrag von Einer der gelesen hat am 15.März 2010
Was wir in der Bundespolizei wieder mehr brauchen sind Handwerker!
Was desweiteren nicht schaden könnte ist der freie Unternehmergeist!
Selbstverantwortung!
Eine politische Klasse die sich ernsthaft und nachhaltig mit den Dingen auseinandersetzt die sie anweist und beschließt!
Eintrag von WEITERSO!!! am 17.März 2010