Gesichtspunkt Mensch: Störfaktor?

Von Jörg Radek, Mitglied des GdP-Bundesvorstandes: Der berühmte deutsche Soziologe Max Weber forderte zu Beginn des 20. Jahrhunderts für den staatlichen Bereich eine bürokratische Organisation. Im Sinne von Weber sind Amts- und Autoritätshierarchie bzw. Kompetenz- und Arbeitsteilung klar strukturiert und festgelegt. Viele von Webers Gedanken prägen heute noch die Verwaltung. Und damit auch die Polizei.Seinem Modell einer bürokratischen Ordnung wurde im Zuge des Dauerthemas Verwaltungsmodernisierung seit Anfang der 90-er Jahre die Absicht der „Neuen Steuerung“ entgegengestellt.
Eine Welle von Konzepten des modernen Managements erreichte die Bundespolizei zum Jahrtausendwechsel. Erfahrungen und Erkenntnisse aus den Landesbehörden wurden dabei ausgeblendet!
Diese Ignoranz vernachlässigt zwei Grunderkenntnisse aller Bemühungen mit modernen Management–Konzepten die Abläufe in der Polizei zu straffen.
Erstens: Keine Verwaltungsreform widmet sich dem Spannungsverhältnis zwischen Parlament und Verwaltung!
Die Polizei ist der politischste Teil der Verwaltung. Nicht zuletzt durch die Ausübung des Gewaltmonopols. Die Bürger und Bürgerinnen erheben Ansprüche hinsichtlich ihres Sicherheitsgefühls. Politik, die sich in einer parlamentarischen Demokratie widerspiegelt, muss dem Rechung tragen. So unterliegt die Verwaltung der parlamentarischen Steuerung.

Es wäre lohnenswert zu überdenken, in wieweit Ziele – mit welchen Mitteln und Nebenwirkungen – erreicht wurden. Diese Überlegungen führen an dieser Stelle dann doch zu weit.
Zweitens: Wichtiger ist es im Auge zu behalten, wie die Beschäftigten derartige Prozesse erleben!
Wir alle sind, – mehr als uns bewusst ist -, geprägt von Gewohnheiten und Erfahrungen.
Umstrukturierungsmaßnahmen greifen hier ein. Diese Eingriffe wecken Ängste und Befürchtungen. Wohin führt Qualitätsphilosophie, die sich umfassend an der Kundenzufriedenheit, – mit zielorientierter Führung und der Schaffung eines ent-sprechenden Arbeitsumfeldes -, orientiert? Die Protagonisten Malorny und Kamiske beschreiben in ihrer jeweiligen Literatur diese Pfade und Wege.
Auf diesen Wegen sollten die Beschäftigten mitgenommen werden. Aber nicht als „Sherpas“!

Zur Erreichung der Ziele der Organisation sind in einer Polizei Menschen erforderlich. Es entspricht einer negativen Haltung, zu unterstellen, unsere Kolleginnen und Kollegen hätten nur Besitzstände zu verteidigen und würden Beharrungsvermögen diesbezüglich an den Tag legen. Wer so argumentiert, verneint das Erfahrungs- und das Organisationswissen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihren Dienststellen.
Im Umgang mit ihnen offenbart sich das Menschenbild, auf das sich das Führungsverhalten gründet.
Es darf deshalb nicht verwundern, dass über „Personalmangement“,“Leitbild“,“Motivation“ oder „Kooperatives Fühurngssystem nur als „Worthülsen“ -Kultur gespöttelt wird.
Es reicht eben nicht aus, im Bücherregal im Dienstzimmer, die Literatur der Autoren Rupert Lay, Wolfgang Uhlendorff oder Reinhard Sprenger dekorativ aufgestellt zu haben.
Für eine umfassende Beschäftigtenbeteiligung an diesem Modernisierungsprozess ist zunächst Transparenz herzustellen, um Ängsten, Unbehagen und Befürchtungen zu begegnen.
Zu Beginn aller Bemühungen ist sehr viel Zeit darauf zu verwenden, Ziele und Absichten zu verdeutlichen. Bleibt die Aufklärung über den Sinn und Zweck von Modernisierung aus, empfinden die Beschäftigen sich nur noch als „Störfaktor“.
Althergebracht wird der „Faktor“ Mensch mit seinem Einsatzwillen in ein starres Korsett von Routine und Mitzeichnungsleiste gepresst. Die Modernisierung der Verwaltung muss gegen Strukturen zielen, die uns zwingen, bürokratisch und unflexibel zu verhalten.

Durch Selbstaufschreibungsprozesse, Berichtswesen und Gremienarbeit wurde leider eine Modernisierungsbürokratie geschaffen.

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