Das Wohl der Beschäftigen – vier Fragen zur Umgangskultur

Kommentar aus der Deutschen Polizei Zeitung – Ausgabe Januar 2012: Von Jörg Radek, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Personalabbau, Stellenkürzung, der Einsatz von Technik und viele weitere Faktoren führen zu einer Arbeitsverdichtung. Insbesonde re hier liegen die Ursachen negativer gesundheitlicher Auswirkungen für alle Beschäftigten. Das Bundespersonalvertretungsgesetz (BPersVG) formuliert, „zum Wohle der Beschäftigten und zur Erfüllung der der Dienststelle obliegenden Aufgaben“ zu agieren. Wohlbefinden und Aufgabenerfüllung stehen in einer Wechselbeziehung zueinander. Ich möchte das Wohl auf „vier Beine stellen“ und der Umgangskultur in der Bundespolizei „Beine“ machen.

Vorrangig ist selbstverständlich die Gesundheit, das körperliche Wohl. Für die Polizei als Träger des staatlichen Gewaltmonopols, deren Arbeit rund um die Uhr – im Schicht- und Wechseldienst – organisiert ist, ergeben sich daraus weitere Belastungen. Dies ist zwischenzeitlich durch wissenschaftliche Studien hinreichend belegt. Defizite werden schon seit Langem beschrieben. Eine Abhilfe ist immer noch nicht in Sicht. Allein in diesem Aspekt findet sich keine Antwort auf die Frage des Umganges miteinander. Diese Feststellung stellt noch nicht einmal eine typische gewerkschaftliche Zuspitzung dar … Die Anordnung und Struktur von Arbeit muss so gestaltet sein, dass sich trotz besonderer belastender Umstände, die darin arbeitenden Menschen wohl fühlen. Neben dem körperlichen sind auch seelisches und soziales Wohlbefinden stützende Pfeiler der Berufszufriedenheit.

Ein zentraler weiterer Aspekt: die Bezahlung. Angemessene Entlohnung durch den Abschluss von Tarifverträgen für Arbeitszeit oder Einkommen, oder eine zeitgemäße Verbesserung der Zulagen für die besonderen Erschwernisse durch die Arbeit zu ungünstigen Zeiten, oder eine bessere Stellenbewertung, tragen auch ihren Beitrag zum Wohle der Beschäftigten bei. Unter diesem Blickwinkel sollten auch einmal die Entwürfe von Bewertungen von Dienstposten oder das Verhalten in Tarifrunden beurteilt werden. Die reine Arbeitsleistung ist kein Selbstzweck der Behörden. Aufgaben erfüllen sich nicht von selbst; sie werden von Menschen geleistet. Wir haben eine Erwartungshaltung an diese Tarifrunde. Ob der Verhandlungspartner die richtigen Antworten findet, ist noch offen.

Die Wertschätzung von Arbeit ist ebenso Bestandteil für das Wohl der Beschäftigten wie Gesundheit oder Arbeitszeitfragen. Gerechte und faire Bewertung drückt den Wert, den eine Organisation der erbrachten Arbeit beimisst, aus. Eine Organisation kann hier frei von politischen Einflüssen Vorschläge entwerfen, in denen sie ihre Arbeit einschätzt.
Unverständlich bleibt deshalb, dass sich die Anerkennung von Leistung nicht in ihrer Bewertung wiederfindet: Der Organisations- und Dienstpostenplan der Bundespolizei entspricht einem Menschenbild und der Wertschätzung ihrer Arbeit aus dem letzten Jahrhundert. In den Einsatzräumen der Bundespolizei an den Bahnhöfen, Flughäfen oder bei der Bereitschaftspolizei finden sich hinreichende Möglichkeiten, überholte Vorstellungen zu korrigieren. Eine Feststellung, die insbesondere zur Arbeitsleistung der Kolleginnen und Kollegen in der Bereitschaftspolizei, in den Mobilen Kontroll- und Überwachungseinheiten betroffenen machen muss. Aufgabenerfüllung und Leis tungen zur Erreichung des Organisationszieles sind nicht abstrakt, sondern werden konkret von den Beschäftigten gewährleistet. Diese Menschen wollen im Ergebnis auch den mit Eifer angestrebten Erfolg ihrer Arbeit erkennen, erleben und anerkannt wissen!

Vierter Eckpunkt des Wohlgefühls: Die Mehrzahl der Beschäftigten empfindet auch die vielfach vorzufindende Regelungsdichte als Belastung. Die Regelung der Aufbau- und Ablauforganisation in den Behörden obliegt grundsätzlich der Organisationsgewalt des Dienstherrn. Daraus resultieren aber Auswirkungen, die gleichfalls einen Beitrag zum Erschwernis des Polizeiberufes und auch anderer Berufsbilder leisten. In einem Gefüge von Behördenaufbau, Geschäftsordnungen, Organisationsplänen, vermeintlich unverzichtbaren Kennzahlen bewegen sich Personen, denen auch die menschliche Würde nicht abgesprochen werden darf. Im Rahmen der „Modernisierungsbürokratie“ nehmen sich die Menschen allerdings immer häufiger als Kostenstelle oder „funktionierende Ressource“ wahr. Eine in diesem Zusammenhang geführte Debatte, dass dieser Zustand ja nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern auch in der freien Wirtschaft anzutreffen sei, ist im Übrigen völlig deplatziert und irrsinnig. Aufgabe von Personalräten ist es auch, über die Gewerkschaft zu Problemen eine breite Öffentlichkeit herzustellen. Das heißt, die Folgen für Beschäftigte und fortführend für die gesamte Organisation an Parlamente und Bürger heranzutragen. Das würde im Gesamtkontext sogar eine wirksame Kontrolle für die Umsetzung des oft zitierten politischen Willens bedeuten. Zwar ist derartiges nicht im BPersVG als normierter Tatbestand zu finden, eine Handlungsoption für in Gewerkschaften organisierte Personalräte stellt es trotzdem dar.
Für die Bundespolizei gilt für die Wertschätzung der Arbeit ihrer Beschäftigten in jeder Hinsicht: Gute Besserung zum Wohle der Beschäftigten und der Aufgaben, der sie sich verpflichtet fühlen.

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1 Kommentar
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  1. Zum Thema „Wohl der Beschäftigten und zur Umgangskultur“ wäre es wieder mal angebracht eine Studie zu machen.
    Mich würde z.B. interessieren wie hoch der Anteil von Burn-Out in der BPOL mittelerweile ist (seit der letzten Studie!).
    Hat sich da eigentlich irgendetwas verbessert oder geändert???
    Die ganze BPOL und deren Führungskultur sollte mal vielleicht auf den Prüfstand!
    Antworten auf folgende Fragen wären interessant:
    Wie ist der Umgang unter den Kollegen?
    Wie ist der Umgangston zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten?
    Gibt es für innerdienstliche Konflikte, Mißmanagement und Korruption mittlerweile neutrale Ansprechpartner, Vertrauensleute und Mediatoren (am besten außerhalb der BPOL)?
    Wird bei den Einstellungsverfahren auf die charakterliche Eignung der Bewerber für diesen Beruf geachtet und werden hierzu auch Psychologen hinzugezogen?
    Seit 20 Jahren bin in dem Verein und wenn ich mir einige Vorgesetzte, sowie Kollegen und deren Verhalten betrachte kann ich mir sehr gut vorstellen, daß unter bestimmten Voraussetzungen Verhältnisse wie in Diktaturen wieder entstehen können und damit hat man ja in Deutschland auch schon genug Erfahrung gesammelt! Oder????
    Als gebranntes Kind bin ich zwar in meiner Dienstselle mundtot gemacht worden…Die Gedanken sind allerdings frei!
    Ein kleiner Tipp noch für junge Kollegen: „Nicht bei allen sind die Gedanken frei!“ ;)