Eine Bundespolizei-„Geschichtsstunde“

Heinz Hasselberg / pixelio.de

Bevor in der kommenden Woche die nächste Führungskräfte-Tagung der Bundespolizei statt findet, möchten wir Euch gerne zu einer kleinen Bundespolizei-„Geschichtsstunde“ einladen.

Hier ein Auszug aus dem „Befehl zur Konzentration auf die eigentlichen Aufgaben des Bundesgrenzschutzes“ vom 28. Oktober 1966:

„Ich erwarte, daß die Herren Kommandeure es sich sehr angelegen sein lassen, die Kommandierungen außerhalb der Abteilungen und zu allen Stäben einer genauen Prüfung auf ihre Notwendigkeit zu unterziehen. Ich habe noch keinen unterbesetzten Stab erlebt. In dieser Notlage haben auch sie sich einzuschränken. Wenn in der Truppe Überstunden geleistet werden müssen, ist das gleichermaßen für die Stäbe zu verlangen. Nicht jeder Ausfall durch Lehrgänge, Urlaub, Abordnungen, muß unbedingt ersetzt werden. Ich weiß, daß sich Abordnungen nicht restlos ausschließen lassen. Ich weise darauf hin, daß im Bundesministerium des Innern grundsätzlich ein Ersatz für Lehrgangsteilnehmer abgelehnt wird, auch nicht, wenn sie, wie die Stabsmeister-Anwärter, 5 Monate ausfallen. Ich habe zeitweise 5 Obermeister gleichzeitig abordnen müssen, ohne Ersatz zu erhalten.“

Hier der vollständige Befehl zum Download

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Themenbereich: Über den Tellerrand | Drucken

9 Kommentare
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  1. Und immer noch aktuell……

  2. Wo habt Ihr das ausgekramt? Gefällt mir ausgesprochen gut! Leider wird so eindeutig (auch adressiert) heute nicht mehr gesprochen.

  3. Das waren noch Zeiten.
    So schön wird’s nimmer mehr.

  4. Das finde ich wirklich gut !! Was hat sich den damals dann geändert ??

  5. Es kommt deshalb so gut an – bei mir auch – weil es durch eine glasklare Befehlssprache getragen ist.
    Da hat tatsächlich jemand mit viel Lametta eigenverantwortlich eine erkannte Lage beurteilt, Entschlüsse gefasst und daraus einen sieben(!)seitigen Befehl entwickelt.
    Und das Erstaunliche: er adressiert diesen Befehl exakt an die richtigen Adressaten, ohne wenn und aber.
    Formulierungen wie „ich brauche nicht darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass…“ gefallen mir ausgesprochen gut, schieben sie doch dem üblichen Gewinsel und Geheul, das reflexartig auf jede Art von Anordnung folgt, einen Riegel vor.
    Aber: diese Art der Führung wurde zunehmend als „zu militärisch“ und „Gutsherrenart“ bemängelt und mehr und mehr abgedrängt. Kommandeure wurden durch Manager ersetzt, klare Befehlssprache gerade in Fürsorgeangelegenheiten wurde durch Interaktion, Transaktion, Kommunikation usw. ersetzt. Das wäre ja im Prinzip auch nicht zu beanstanden – trüge es denn die erforderlichen Früchte.
    Ich muss an dieser Stelle aufhören, sonst begebe ich mich noch in den vordisziplinaren Raum…
    Nur eins noch: „früher“ war gewiss nicht alles besser – aber manches schon…

  6. Es ist eigentlich schon alles gesagt worden! Früher war eben bestimmt NICHT alles schlechter! Verantwortung übernehmen und für diese auch gerade zu stehen, dafür werden nämlich (zumindest aus meiner beschränkten Sicht heraus) Führungskräfte bezahlt!

  7. Ja, Ja, … die Faulen da oben im Stab. Dass dort Arbeit für die Kollegen vor Ort geleistet wird, sollte auch Anerkennung verdienen. Ich bin gegen Spaltungsversuche zwischen operativen Kräften und „verwaltenden“ Kräften. Was eine schlechte Verwaltung anrichten kann, sieht man an Griechenland. Diese „Geschichtsstunde“ war schlichtweg polemisch und unötig,
    aber natürlich ist sie geeignet Stimmung zu machen.

  8. PVBmD schreibt: „Das waren noch Zeiten. So schön wird’s nimmer mehr.“ – Na klar, damals wurde die Zonengrenze (so hieß sie damals noch) freundlicherweise von den Kollegen auf der anderen Seite bewacht. Das erklärt, warum der BGS damals für „unzweckmäßige Zonengrenzführungen“, „Werbetrupps“, „liebgewordene Gewohnheiten der Kommandeure“, „Massenfreiübungen“ (freiwillig, ohne DA. Der Kommandeur hatte seinen Grenzjägern schon erklärt, was freiwillig ist!), „Kommando-Großveranstaltungen“ u.a. Zeit hatte.

    Im Befehl heißt es: „Die Auswirkungen der 44-Stunden-Woche lassen sich mit den Aufgaben des BGS nur schwer in Übereinstimmung bringen.“ Wievele Stunden waren es vorher?

    Unter Punkt 5) ist die Rede von einer Stärke des Bereitschaftszuges (1-2-16 einschl. Kf). Anders als heute waren damit 1 gehobener Dienst, 2 mittlere Dienste und 16 einfache (!) Dienste gemeint. Die hießen aber damals anders (es dürfte sich um die Offiziere bzw. Unterführer gehandelt haben – wer weiß hier Bescheid?) Das „Kf“ Könnte auch ein alter Hanomag gewesen sein. Wie auch immer – wer will in den einfachen Dienst zurück?

    Was nicht im Befehl steht: damals benötigte man noch eine Heiratserlaubnis (uneheliche Kinder durfte man aber haben) und ein Höhepunkt im Leben des BGS-Beamten war die Entpflichtung von der Teilnahme an der Gemeinschaftsverpflegung und vom Wohnen in der Gemeinschaftsunterkunft. War das – aus heutiger Sicht – wirklich schön?

    Und die Gehaltstabellen waren wirklich nicht so rosig, daß der BGS damals mit der freien Wirtschaft konkurrenzfähig gewesen wäre. Vielleicht waren deshalb viele Grenzjäger nicht bereit, nach 18 Monaten zu verlängern …

    Es war ein jahrzehntelanger Kampf der Gewerkschaften und der Personalräte notwendig, um eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen zu erreichen. Dazu zählte auch, diese Art der Führung (zu militärisch bzw. nach Gutsherrenart) zu ändern. Man sollte im Befehl noch einmal genau nachlesen, was die BGS-Beamten damals machen mußten (so z.B. Bekleidungsappelle).

    Ja, damals wurde sehr eindeutig, in glasklarer Befehlssprache gesprochen. Also keine Dienstvereinbarung zur Umsetzung der Reform; sondern Befehl und Gehorsam.
    Es ist zwar interessant, sich mit der Geschichte der eigenen Organisation zu beschäftigen; und auch hilfreich zur Identifikation mit der selben, aber ich glaube nicht, daß die Zeiten so schön waren.

  9. @Sachbearbeiter
    mich beruhigt es, das es unter uns noch Zeitgenossen gibt, die Sachverhalte reflektieren und nicht nur, wie es inzwischen modern ist, in einer sich immer zur Fäkalsprache wandelnden Ausdrucksweise herumnölen.