„Beruf als Berufung – Berufsethik heute im Spiegel der Reformation“

Beitrag von Landesbischof Dr. Karl-Hinrich Manzke anlässlich der Führungskräftetagung der Bundespolizei am 30. Mai 2012 in Blumberg. Landesbischof Dr. Karl Hinrich Manzke ist Beauftragter des Rates der EKD für die Seelsorge in der Bundespolizei.

„Sehr verehrter Herr Staatssekretär Fritsche,
sehr verehrter Herr Präsident Seeger,
liebe Angehörige der Bundespolizei,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

erlauben Sie zunächst, dass ich meinen Ausführungen zu dem gestellten Thema einige Vorbemerkungen voranschicke. Ich freue mich, dass Sie sich im Rahmen der Führungskräftetagung an diesem Nachmittag mit berufsethischen Fragestellungen befassen. Das hat für sich, wie ich nach einem guten Jahr in meiner Tätigkeit als Beauftragter des Rates der EKD für die bundespolizeiliche Seelsorge aus Erfahrung feststellen kann, eine gute und lange Tradition -zunächst im Bundesgrenzschutz und dann in der Bundespolizei. Über berufsethische Leitbilder und Themen zu arbeiten und nachzudenken, sind Sie gewohnt zu tun! Das ehrt Sie! Das kann man auch als jemand, der dabei ist, die Bundespolizei kennen zu lernen, gut und sofort wahrnehmen. Bei den vielen Gesprächen, die ich in dem ersten Jahr führen konnte, habe ich vielfach erfahren, dass das geübt ist auf allen Ebenen der bundespolizeilichen Arbeit. Dass Sie sich zur Führungskräftetagung in diesem Jahr insbesondere mit dem Themenkomplex „Beruf und Berufung“ befassen, hat, wenn ich das richtig verstanden habe, seinen Hintergrund unter anderem auch darin, dass wir auf das Jahr 2017 zugehen. Im Jahr 2017 jähren sich zum 500. Mal die Ereignisse, die wir heute als Reformation kennzeichnen. Wie alle großen historischen Daten Deutschlands ist auch dieses ein Datum, das nicht ohne Schwierigkeiten begangen werden kann. Weist das Datum doch schmerzhaft auf die Trennung der christlichen Kirchen hin, die bis zum heutigen Tag andauert. Und wird dieses Datum doch zum Zweiten nicht erwähnt werden können, ohne darauf hinzuweisen, dass die daraus hervorgegangene Trennung der Kirchen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit, nicht überwunden ist – und diese Trennung auch die Glaubwürdigkeit im Handeln der Kirche einschränkt. 2017 – ein Datum, auf das der Bundestag als ein historisches und kulturell herausgehobenes Ereignis von nationaler Bedeutung zugeht – und das in ganz anderer Weise begangen werden wird als noch im Jahre 1917 – zur 400-jährigen Wiederkehr der Reformation. Damals wurden große konfessionelle Gegensätze ausgelebt und betont. Nicht konfessionell verengt, sondern bezogen auf die Frage, welche „kulturellen Wurzeln in unserem Land gepflegt werden sollten und gepflegt werden müssen“ -so der Bundestag- soll das Reformationsjubiläum im 21. Jahrhundert begangen werden.

Ich bin beeindruckt, dass Sie in der heutigen Führungskräftetagung das, was nicht nur die Reformation, sondern was der christliche Glaube an kulturellen Wurzeln für das Berufsverständnis gelegt hat, die bis zum heutigen Tage wirken, in den Mittelpunkt rücken wollen. So verstehen sich die Beiträge des heutigen Nachmittags nicht als konfessionelle Engführung oder gar konfessionelle Selbstzufriedenheit, sondern sie rücken in den Vordergrund, worin der christliche Glaube kulturelle Wurzeln bis in die moderne Sprache und die heutige Anschauung vom Beruf gelegt hat. Es geht also nicht und auf keinen Fall nur um historische Überlegungen, sondern darum, zu fragen: inwieweit ein ausgeprägtes persönliches Verständnis von Beruf und Berufung, das dem Einzelnen sehr viel Verantwortung und Selbstmotivation für seinen Beruf zuspricht, in veränderten Zeiten Anwendung finden kann und sollte.
Also –großes Kompliment für diese Thematik heute –ich bin beeindruckt.

Insofern – und das ist meine zweite Vorbemerkung – möchte ich ein paar Sätze zum Verlauf des Nachmittags sagen. Die drei Beiträge des heutigen Nachmittags bauen aufeinander auf. Ich bin Dr. Bueb und Professor Nieschmidt sehr dankbar, dass sie sich in die grundsätzliche Fragestellung dieses Nachmittags haben einbinden lassen. Ich will in meinem Beitrag die Wirkungsgeschichte des besonderen christlichen Verständnisses von Beruf und Berufung erläutern – wie es bis zum heutigen Tag kulturell gewirkt hat – bis in die Sprache hinein unser Denken über den Beruf bestimmt. Gleichzeitig aber auch nicht nur nach seiner Wirkungsgeschichte fragen, sondern danach: hat das noch Aussagekraft in deutlich veränderten gesellschaftlichen und beruflichen Bedingungen. Ich bin dabei als Redner eingesprungen – einen universitären evangelischen Theologen oder Theologin zu gewinnen, ist uns nicht gelungen. Dr. Bueb wird darüber sprechen, welche Anforderungen berufliche Tätigkeit an die innere Bildung des Menschen und an seine Haltung stellen.

Und Professor Dr. Nieschmidt wird unter der Themenstellung „Arbeit und Beruf im Wandel der Zeiten“ herausstellen, welche anderen Faktoren als die der inneren Motivation die Berufszufriedenheit stützen und bedingen. Beide Referenten sind ausgewiesene und in der Bundesrepublik weithin bekannte Autoren und Vortragende zu dieser Thematik. Beiden danke ich auch an dieser Stelle sehr herzlich, dass sie sich heute beteiligen. Übrigens: wir drei haben ganz unterschiedliche Gesangbücher und vertreten damit auch unterschiedliche Konfessionen.

In meiner dritten Vorbemerkung möchte ich folgendes andeuten: ich bin weit davon entfernt bin, behaupten zu können, die Bundespolizei zu kennen – und schon in allen Verästelungen kennen gelernt zu haben. Schon nach 15 Monaten kann ich aber bewundernd sagen, ich erlebe bei meinen Besuchen selbstbewusste und hoch engagierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in der Bundespolizei, die über ihre Berufsmotivation sehr deutlich Auskunft geben. Mitarbeitende, die sehr deutlich ausdrücken, welche Verantwortung sie in ihrer Persönlichkeit darin sehen, für unser Land und zum Wohle der Menschen tätig zu sein – oft in sehr schwierigen gesellschaftlichen Konfliktfeldern wie dem Castortransport oder wie bei der Rückführung von abgewiesenen Asylantragstellern in ihre Heimatländer. In klarer Sprache und sehr reflektiert beschreiben sie ihre Motivation , diese schwere Arbeit zu tun – und gleichzeitig erlebe ich in der Bundespolizei auch die Freiheit und Bereitschaft, Problemstellungen in der Bundespolizei, in der täglichen Arbeit zu benennen – und an der Überwindung von Problemstellungen aktiv mitarbeiten zu wollen. Das erlebe ich innerhalb der Organisation, für die ich mit zuständig bin, der evangelischen Kirche, nicht immer in dieser Intensität und persönlichen Verbundenheit der Mitarbeiter mit der Gesamtheit der Kirche. Das ist ein hohes Gut, das ich in der Haltung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ich bislang in der Bundespolizei kennen gelernt habe, sehe! Darauf können Sie in allen Veränderungsprozessen, so meine ich, zählen und gleichzeitig drauf achten, diese hohe Motivation nicht zu gefährden. Zumal die Bundespolizei die Einrichtung zu sein scheint –die immer reformiert wird. Das war mal die Evangelische Kirche. Wegen dieser hohen Identifikation bei vielen Mitarbeitern ist mir um die Zukunft der bundespolizeilichen Arbeit nicht bange – denn, wie es in den Leitlinien der Bundespolizei heißt, die Identifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der beruflichen Aufgabe ist eines der hohen Ziele der bundespolizeilichen Arbeit.

I. Beruf als Berufung verstehen – ein kurzer Erfahrungsbericht:
Erlauben Sie, dass ich mit einem Erlebnis von einem meiner letzten Besuche in einer der Direktionen der Bundespolizei beginne. Ich besuchte mit dem Präsidenten ein Revier – und sprach mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über ihre Arbeitssituation. Sie schildern mir ihre tägliche Arbeit – ihre konkreten Aufgaben – und sie schildern mir auch, dass ihre äußeren Arbeitsbedingungen –sprich Gebäude und vorhandene Räume- nun bald verändert werden sollten. Und sie sehen sich durch ihren Präsidenten auch gut unterstützt in dem Bemühen, dass ihr Revier neue Räume bekommen sollte. Deutlich wird in der Schilderung, dass dieses Bemühen um neue Räumlichkeiten schon länger andauert, bislang aber nicht von Erfolg gekrönt war. Daneben aber stand die begeisterte Schilderung ihrer konkreten Arbeit, für Sicherheit für die Menschen am Bahnhof zu sorgen – Menschen konkret zu helfen – Sicherheit zu ermöglichen und schwierige Situationen auflösen zu können. Alle fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schilderten beides eindrücklich nebeneinander – die offensichtliche Schwierigkeit in den äußeren Arbeitsbedingungen, die in der Tat schon sehr augenfällig verbesserungsfähig sind – und die beinahe begeisterte Berichterstattung über die alltägliche polizeiliche Arbeit, obwohl auch die Anfechtungen, sprich: die Aggressivität gegenüber der Polizei und die Respektlosigkeiten zugenommen haben. Auf meinen Hinweis nach ihrer Schilderung, dass sie trotz aller Einschränkung in den äußeren Arbeitsbedingungen und den erhöhten Anteilen an Vorschriften und Papierkram, den es im Vergleich zu früher zu erledigen gilt, sehr fröhlich und heiter ihren Dienst wahrnehmen – sagte einer der Angehörigen der Dienststelle: „Na klar, ich lass mir doch die Freude an meinem Beruf nicht nehmen – das, Herr Manzke, ist eine Sache der Berufung.“ Da war dieses Wort! Beruf als Berufung! Was der Kollege im einzelnen meinte, zeigte sich schnell: eine unverwüstliche innere Motivation, geradezu Freude an dem Beruf, die immer dann freigelegt wird, wenn es um konkrete Situationen und konkrete Menschen geht. Wenn es darum geht, schwierige Situationen aufzulösen, Menschen in einer schwierigen Situation beizustehen – und für Sicherheit zu sorgen. Das habe ich bei meinen Besuchen in den ersten 15 Monaten oft feststellen können, Hinweise auf eine ursprüngliche Motivation, die sich in der Beschreibung des alltäglichen Dienstes festmachen lässt an einem ganz ursprünglichen Zugang zum Polizeiberuf – helfen, fördern und dienen – was sich in dem Begriff Berufung zusammenfassend ausdrücken lässt.

II. Beruf als Berufung – woher kommt dieses Verständnis?
Es ist unverkennbar, dass schon in dem deutschen Wort „Beruf“ ebenso wie in vielleicht noch deutlicherer Weise in dem englischen „calling“ eine ursprünglich religiöse Vorstellung liegt: Die Vorstellung, in einer von Gott gegebenen und geschenkten Aufgabe zu sein. Wenigsten klingt das in dem Wort „Berufung“ mit. Und je nachdrücklicher wir auf das Wort im konkreten Fall den Ton legen, desto fühlbarer wird das. Verfolgen wir nun das Wort für sich einmal geschichtlich und durch die Kultursprachen hindurch, so zeigt sich zunächst, dass die vorwiegend katholischen Völker für das, was wir Beruf im Sinne von Lebensstellung, umgrenztes Arbeitsgebiet nennen einen Ausdruck ähnlicher Färbung ebenso wenig kennen wie das klassische Altertum, während es bei allen vorwiegend protestantischen Völkern existiert. Es zeigt sich ferner, dass das Wort in seinem heutigen Sinn aus der Bibelübersetzung stammt – und zwar aus dem Geist der Übersetzung, nicht aus dem Original selbst. Der bekannte Soziologe Max Weber hat die Erfindung des Berufsbegriffs und -verständnisses als einer inneren Berufung als die folgenschwerste Leistung und Wirkung der Reformation beschrieben. Und damit meinte er nicht eine Beurteilung dieser Leistung, sondern eine reine Phänomenbeschreibung. Erstmals taucht der Begriff „Beruf“ in der lutherischen Bibelübersetzung des alttestamentlichen Buches Jesus Sirach auf, dort steht: „Bleibe bei dem, was dir anvertraut ist, und übe dich darin. Und halt aus in deinem Beruf und lass dich durch nichts davon abbringen. Und lass dich nicht davon beirren, wie andere Leute zu Geld kommen. Sondern vertraue du Gott und bleibe in deinem Beruf.“ Bevor man also feststellen möchte, dass möglicherweise das darin enthaltene Verständnis von Beruf als Berufung längst überholt ist und in heutigen Tagen nur noch im Museum besichtigt werden kann, sollten wir uns einen Moment Lebenszeit dafür gönnen, das darin liegende Verständnis des Berufes und seine ethischen Auswirkungen zu bedenken. Man kann sagen, dass die Reformation, wie auch immer man sie persönlich beurteilt und historisch beurteilt, darin kulturbildend gewirkt hat. Ob diese Wirkungen gut oder schlecht waren, auch das bleibt zunächst dahin gestellt. Jedenfalls hat, um noch einmal mit Max Weber zu sprechen, die Reformation im Verständnis der Berufsethik eine Spur gelegt, die bis zum heutigen Tage in Dienststellen der Bundespolizei zu besichtigen ist. Das Verständnis, dass der Beruf der Ort ist, wohin Gott uns berufen hat – wohin wir gestellt sind und von wo wir überhaupt nicht weggehen können und wollen, weil wir dort unsere Zufriedenheit finden, ist Grund gelegt im christlichen Glauben. Grundlage dieser Anschauung ist der Christen und Juden gemeinsame Glaube und die Überzeugung, dass Gott die Welt, Himmel und Erde geschaffen hat. Damit besitzt alles Körperliche – und so auch die Arbeit- einen hohen Wert; einen Wert, der durch die Veränderung in Organisationen vielleicht verdeckt, aber niemals zerstört werden kann.

Im Neuen Testament -im1. Korintherbrief- ist das in wünschenswerter Klarheit dargelegt: „Nur soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gott einen jeden berufen hat. Jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde. Bist du als Knecht berufen, so sorge dich nicht; doch kannst du frei werden, so nutze es umso lieber. Wer als Knecht berufen ist in dem Herrn, der ist ein Freigelassener – desgleichen, wer als Freier berufen ist, der ist ein Knecht Christi.“ Der Blick hierauf zeigt, dass die hohe Wertschätzung der Arbeit – und zwar der Hände Arbeit- eine der großen Errungenschaften des Christentums ist. Das kannte die griechische Philosophie – die griechische Antike und auch die römische Philosophie so nicht. Den Römern und Griechen war die Überzeugung der Christen, dass der Körper als Tempel des Heiligen Geistes zu bezeichnen ist und die Arbeit als die spezifische Leistung des Körpers eine Art Gottesdienst bedeutet – völlig fremd. In seiner Schrift „Politik“ denkt der Philosoph Aristoteles über die Frage nach, ob auch die Handwerker und die Gewerbetreibenden, die Polizisten und diejenigen, die mit ihrer Hände Arbeit ihren Lohn verdienen, als Vollbürger der Polis, der Stadt, bezeichnet werden können. Er nennt diejenigen, die in den Revieren dieser Welt arbeiten müssen – und kein hohes leitendes Amt haben- – die Banausen. Und es steht für ihn unzweifelhaft fest, dass diejenigen, die den ganzen Tag als Tagelöhner oder Handwerker arbeiten müssen, gar keine Zeit haben, sich in den Werken der Tugend zu üben. Wie übt man sich in den Werken der Tugend? Indem man Philosophie treibt – zu Tische liegt und über die Dinge des Lebens nachdenkt. Insofern habe ich mir beispielsweise ein antikes Bankhaus anders vorzustellen als heutige Banken. Die Angesehensten waren die Vorstandsherren, die Ämter hatten, abends Politik machten – und tagsüber Zeit hatten, Philosophie zu treiben und über das Wahre und Schöne des Lebens nachzudenken. So könnte es gewesen sein: Diejenigen also, die hohe Ämter hatten, waren in einer Bank im Parterre tagsüber zu Tische – und philosophierten, bedient durch Sklaven und indem ihnen Sklavinnen frische Luft zufächelten. Denn in Athen kann es schon mal heiß sein. Und oben erarbeiteten diejenigen, die von Aristoteles als Banausen bezeichnet werden, mit ihrer Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt. Unten also die philosophierenden Vorstandsherren – oben die die Anweisungen der Herren ausführenden Frauen und Männer -diejenigen, die nur sehr bedingt als Bürger einer Polis bezeichnet werden konnten. Spötter behaupten, in modernen Banken sei es heute ganz ähnlich, nur dass die Vorstandsherren oben sind – und die arbeitende Bevölkerung sich unten am Schalter und Computer tummelt. Diese hohe Wertschätzung der Arbeit – bis hin zu der Beschreibung der Arbeit als eines vernünftigen Gottesdienstes – als eines Dienstes für die Allgemeinheit und für Gott, ist durch das Christentum in die Welt gekommen. Und hängt natürlich daran, dass für den jüdisch-christlichen Glauben, von dem man sagt, er habe das Abendland bestimmt, die Gestaltung des äußeren und öffentlichen Lebens unter der Überschrift steht, das unumkehrbare Leben so gut wie möglich zu gestalten. Das Leben steht unter der Aufgabe, an dem Ort, an den wir gestellt sind, dem allgemeinen und ganzen so gut wir können und so gerecht wie es geht zu dienen. Die körperliche Welt ist eben nicht nur Schein, nicht nur Hülle, in der eine unsterbliche Seele wohnt, die sich dann auch später in anderen Körpern wieder verwirklichen kann, – sondern das eine und in seiner Linie von der Geburt zum Tod unumkehrbar verlaufende Leben steht unter der Aufgabe, es so verantwortlich und zielgerichtet wie möglich zu gestalten.

Bevor wir auf die Ausbildung des genauen Verständnisses von Beruf als Berufung kommen, ist noch ein Schritt nötig. Es ist deutlich, dass die hohe Wertschätzung der Arbeit und des Ortes, an dem wir berufen sind, im christlich-jüdischen Glauben kulturell verankert ist. Nachdem das Christentum Staatsreligion wurde, entwickelte sich, ohne dass wir hier die einzelnen Entwicklungen nachzeichnen können, ein Mönchstum – ein in seiner kulturellen Leistung großartiges System von Orden und klösterlichem Leben. In diesem Zusammenhang hat sich zum Thema Berufung ein besonderes Verständnis von Berufung herausgebildet: Es war die Überzeugung vieler im Mittelalter bis zur Reformationszeit, dass die eigentliche Berufung des Menschen darin besteht, in besonderer Weise sein Leben Gott zu weihen – und dass dieses – in der geschützten Gemeinschaft des Klosters zu leben -die hervorgehobene Berufung des Menschen sei! Gewiss – das klösterliche Leben war auch immer gastfreundliches Leben, in dem die Nächstenliebe wie das Gesundheitswesen und die Krankenversorgung herausgehobene Bedeutung hatten – aber das Herausgerufensein aus den rein weltlichen Bezügen führte dazu, dass der Begriff des Berufes und der Berufung für den geistlichen Stand reserviert war. Die großartigen kulturellen Leistungen der mittelalterlichen Ordensgründungen wie z.B. der Benediktiner und Zisterzienser – soll damit nicht geschmälert werden. Aber eine gewisse Gewichtung und Überordnung des geistlichen Standes gegenüber dem weltlichen Beruf hat das mittelalterliche Denken geprägt. Die Arbeit ist zwar zur Beseitigung des Müßiggangs, zur Zähmung des Leibes, zur Beschaffung von Nahrung wohl nötig – so lehrt Thomas von Aquin – aber als Ausdruck einer aktiven Lebenshaltung gebührt ihr doch ein entschieden geringerer Rang als dem namentlich von den Mönchen und Geistlichen vollzogene Weg der besonderen geistlichen Berufung. Dem gegenüber nun ist das Verständnis des weltlichen Berufes als eines Ortes, wo der Mensch seine Berufung lebt, etwas Neues – und deshalb hier und in diesem Zusammenhang genauer darzustellen.

III. Martin Luthers Berufslehre- Kurze Grundzüge eines wirkungsreichen Berufsverständnisses:
In der sogenannten Kirchenpostille aus dem Jahre 1522 wird das Wort „Beruf“ als Spezialausdruck für rein weltliche Tätigkeit zum ersten Mal von Martin Luther entwickelt und dargestellt. Welche Elemente hat diese lutherische Lehre vom Beruf als Berufung?
– Jeder Mensch hat auf dieser Erde einen Platz, an den er gestellt ist. Der steht nicht zur Disposition – der ist den Menschen vorgegeben. An ihn ist er berufen. Das Leben ist zu kurz, um über andere Optionen, wohin man uns auch hätte stellen können, nachzudenken.
– Beruf ist also eine Sache des Glaubens. Aber nicht in dem Sinne, dass er nur der zufällige Ort, an den wir gestellt sind und der von uns untertänig hingenommen wird. Sondern es ist der Ort, an dem wir Menschen gerufen sind, nüchtern und entschlossen unsere Aufgabe und Verantwortung wahrzunehmen. Wir sind hier auf Erden dazu berufen, dafür Sorge zu tragen, dass der bedürftige Nächste und das Gemeinwohl durch unseren Arbeitseinsatz gefördert werden. Die Werke aber, die mein Nächster braucht, sind ganz gewöhnliche, irdische, nach außen gerichtete Berufstaten, durch die er Nahrung, Kleider, Haus und Schutz für Leib und Leben bekommt. Wir verdienen uns damit unsere Anerkennung, unser persönliches Selbstbewusstsein zwar nicht, weder vor Gott, noch vor unserem Nächsten – aber wir tun unsere Pflicht, zu der wir berufen sind.
– Dieser Dienst ist in einem ganz speziellen Sinne Gottesdienst – er muss weder durch Menschen immer wieder überprüft werden, sondern er kommt aus der inneren Motivation des Dienenden heraus. „Die Magd, die morgens den Hof fegt, der Soldat, der für den Frieden sorgt, der Polizist, der im Regimente sitzt und Streit schlichtet, alle sind im Namen Christi am Werk – und tun ihren Beruf im Sinne einer Berufung zum Dienst an einer Allgemeinheit.“ (Martin Luther)
– Dieses Verständnis des Berufs als Berufung führt dazu, dass die Klarheit über die Selbstmotivation zum Beruf hergestellt ist – sie muss wohl gepflegt werden durch den Menschen, sie muss aber durch die Organisation oder durch das System, in dem wir leben, nicht überprüft werden – der Erfolg der Arbeitsleistung liegt in dieser ganz tief empfundenen und vorausgesetzten Auffassung, die alle teilen, an den Ort berufen zu sein, an den man uns gestellt hat –und den mit ganzer Kraft auszufüllen!
– Diesem Verständnis des Berufs als Berufung liegt eine unglaubliche Verlässlichkeit hinsichtlich der persönlichen Motivationslage eines Menschen zugrunde. Seine Pflichten sind der Inbegriff der von Christen geforderten guten Werke, der Beruf ist Ort des praktischen Gottesdienstes – hier erfüllt sich unser sittlicher Zweck. Wir haben uns den Stand, in dem wir leben, nicht ausgesucht, Gott hat ihn gestiftet, so dass das Wort von der Berufung ebenso auf den Beruf im speziellen Sinne wie auf den Familienstand, auf soziale Zugehörigkeit wie auf den Christenstand Anwendung finden kann.
– Zugleich ist dieses Verständnis des Berufes als Berufung damit verbunden, dass der Mensch sich dadurch den Platz im Himmel nicht verdient – sondern die Arbeit am und für den Nächsten, für eine gerechte Ordnung und für den Frieden zwischen Menschen und Völkern Ausdruck der Dankbarkeit des Menschen dafür ist, dass er sich geliebt weiß – dass er als Person eine Gewissheit hat, die er sich selbst nicht erarbeiten kann – nämlich einen Gott zu haben, der ihn liebt und der ihm unbedingt vertraut. Dadurch -und nur dadurch- lassen sich Schwierigkeiten des Berufes ertragen. „Die tun nicht recht, die ihr Amt, wozu sie ordentlich berufen sind, verlassen oder gering schätzen. Es ist zwar oft verdrießlich genug, ein Prediger, ein guter Familienvater oder ein Polizist zu sein, oder irgendein Amt treu und fromm ohne Zynismus zu verwalten. Aber man darf vor dieser Aufgabe nicht fliehen –sondern soll mutig hinzutreten. Denn Gott hat seine Berufe nicht eingesetzt, dass sie ohne Mühe sind!“ (Martin Luther)
– Deswegen ist die hohe Wertschätzung der menschlichen Arbeit als Dienst an der Allgemeinheit und Dienst an Gott damit verbunden, dass der an seinen Platz berufene sich sein Lebensglück damit nicht verdienen muss – aber gleichzeitig in großer Freiheit seinen Dienst wahrnimmt. Diese Freiheit bezieht sich auch auf die übergeordneten Herren, wie Luther sich ausdrückte. Derjenige, der seinen Beruf als Berufung besteht, ist kritikfähig in beide Richtungen. Er ist ein freier Herr in allen Dingen – und niemandem untertan – und kann deshalb in großer Freiheit sich in den Dienst nehmen lassen. Da er im Glauben ein Freier ist – kann er befreit dienen. Und wird nicht kuschen, sondern aktiv seinen Arbeitsbereich wahrnehmen mitgestalten und an notwendigen Veränderungen sich beteiligen. Dieses eigentümliche Verhältnis von Freiheit und Dienen ist eine Besonderheit des Berufungs- und Berufsverständnisses der Reformation. Man dient Gott –an seinem Platz; eine höhere Motivation als die, die einem der Chef geben oder abverlangen könnte, liegt in der inneren Motivation eines Menschen. „Wenn dein Bischof ein schwacher ist – scher dich nicht drum – sondern tu deine Arbeit –wenn er von dir Unrechtes verlangt, verweigere es“. Denn die Arbeit ist nicht alles – man dient Gott bisweilen auch durch Nichtstun.
– Deshalb nämlich hat er gewollt, dass vor anderen Dingen der Sabbat also der Sonntag so streng gehalten werde. Derjenige, der Beruf als Berufung versteht – als vernünftigen Gottesdienst – kann das deshalb in aller Freiheit in Verantwortung handeln, weil er jeden Tag und zumindest am Sonntag Nahrung für seine Seele im geistlichen Gottesdienst bekommt. Hier zeigt sich auch, warum Max Weber betont hat, dass Luthers Berufsbegriff die durchschlagendste Idee der Reformation sei. Unsere Werke in der Welt sind aus einem einzigen Grunde notwendig: Der Nächste braucht sie. Gott dagegen braucht unsere Werke nicht, er will nur Zuversicht, Vertrauen und Glauben von uns. Das Leben und das Glück müssen wir uns nicht verdienen. Weil aber der Mitmensch das organisierende Prinzip ist, das dem christlichen Handeln seinen konkreten Inhalt gibt, folgt daraus, dass für ein gut funktionierendes christliches Leben Wechsel und Vielfalt charakteristisch sind. In der lutherischen Lehre vom Beruf als Berufung liegt ein starker Akzent auf der Gleichheit aller vor Gott. Dieses Berufsverständnis ist hoch anspruchsvoll – traut dem Einzelnen in einem System, aber auch bezogen auf seine Berufsmotivation, sehr viel zu. Es stellt den Dienst am Menschen ganz in den Mittelpunkt der Bezüge, in denen der Mensch lebt und arbeitet.
Aus Zeitgründen will ich hier nicht weiter verfolgen, wie schulbildend dieses Berufsverständnis gewirkt hat. Wie es durch Calvin eine Zuspitzung erfahren hat, die dann, wie Max Weber gezeigt hat, in Kategorien beschrieben wird, die in dem Erfolg des Berufslebens die Gewissheit der Erwählung des Menschen sehen – und damit den erfolgreichen Kapitalisten zum Gesegneten machen! Dieses Denken hat dann, mit Max Weber, den Geist des Kapitalismus mit hervorgebracht und wesentlich geprägt. Weiter verfolgen will ich auch nicht –dass das Berufsbild Martin Luthers immer mit dem Vorwurf belegt wurde, sehr anstrengend zu sein und den Menschen zu überfordern. Protestanten sind aber weder anstrengend noch humorlos!

IV. Offensichtliche Veränderungen im Berufsleben seit der Reformationszeit:
Ursprünglich hatte die christliche Auffassung von Arbeit als Beruf, die sich in der Reformationszeit auf der Grundlage zentraler biblischer Aussagen durchsetzte, die Aufgabe, in einer ansonsten hierarchisch geordneten Gesellschaft den Menschen in einfachen, niedrigen Berufen die Überzeugung zu vermitteln, dass sie im Dienst Gottes standen. Ihnen damit eine Berufssicherheit und Gewissheit zu geben und eine innere Beständigkeit, die durch Regeln und Verordnungen gar nicht erreicht werden kann, war der tiefere Zweck. Es ist überdeutlich, dass sich die Arbeitsbedingungen und die Anschauung der Arbeit seitdem entschieden verändert haben. Zum einen ist das an der entwickelten Arbeitsteiligkeit in der Gesellschaft fest zu machen. Es liegt das Kennzeichen der Arbeit heute darin, dass die moderne technische Entwicklung es dem Schwerarbeiter zunehmend unmöglich macht, seinen Alltag so zu deuten. Vom Anfang eines Arbeitsprozesses bis zum Ende seine eigene Arbeitsfunktion zu überschauen, ist sehr schwer geworden in arbeitsteiligen Produktionsprozessen. Wenn man das kann –ist das als ein großes Privileg zu bewerten. Ein Arzt, vielleicht ein Pfarrer oder Lehrer dürfen so arbeiten, dass sie in ihrem Arbeitsbereich Entwicklungen über einen längeren Zeitraum überschauen und bestimmen können. Aber es ist schwer, am Band in der Produktion das zu überschauen. Es ist jedenfalls ein großes Vorrecht, den Berufungsgedanken auf die persönliche Arbeit beziehen zu können – für viele Arbeitsverhältnisse oder Berufssituationen ist dieses Bild kaum noch anwendbar. Insofern, so scheint es, ist das entwickelte Verständnis vom Beruf als gelebter Berufung Teil einer ständischen Gesellschaft – und hat moderne Veränderungsprozesse gar nicht mehr im Blick. Deswegen gehört es wohl ins Museum? Zudem, das ist die zweite Veränderung, hat sich der Zugang zum Beruf völlig verändert. Die Berufung ist heute nicht mehr der Ruf Gottes an den Menschen, sondern die subjektive Eignung für einen bestimmten Beruf. Man wählt zwischen verschiedenen Möglichkeiten aus – und wählt denjenigen Beruf aus, der einem am stärksten zu entsprechen scheint.

Ein dritter Hinweis soll hier genügen. Die Unterscheidung zwischen Berufswelt und Privatwelt –zwischen Job und Freizeit – hat sich in ganz anderer Weise herausgebildet als noch im 16. oder auch im 19. oder 20. Jahrhundert. Die Distanz zwischen Freizeit und Beruf ist in vielen Berufssituationen sehr viel größer – insofern ist ein Verständnis des Berufs als Berufung nicht mehr der Lebenswirklichkeit der meisten Menschen entsprechend. Aber: Bevor man das dargelegte Berufsverständnis verabschiedet und in das Museum untergegangener Kulturen, das historische Museum für Berufsverständnisse bringt, ist es sinnvoll, den Ertrag und die Aktualität stark zu machen. Das will ich jetzt versuchen.

V. Gegenwärtige Fragestellungen im Spiegel des reformatorischen Berufsverständnisses

Was eine weltanschaulich neutrale, demokratische Gesellschaft eigentlich zusammenhält, das wird in unserem Land seit einigen Jahren verstärkt diskutiert. Es wächst die Einsicht, dass ungehemmter Konsum und die Steigerung des Bruttosozialprodukts nicht die Haltepunkte einer Gesellschaft sein können, die möglicherweise lange davon überzeugt war, dass die Gewissensbildung der Menschen schon irgendwie nebenbei funktioniert. Der Verfassungsrechtler Ernst Wolfgang Böckenförde sprach davon, dass „der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das der moderne Staat um der Freiheit willen eingegangen ist.“ Das Wagnis nämlich, dass die ethische Urteilsbildung sich in unterschiedlichen Bezügen tradiert und weiterentwickelt, selbst dann, wenn der Staat selber sich aus dieser Weiterentwicklung weitgehend heraus hält und heraushalten muss.
Das hat in Deutschland bisweilen zu der Überzeugung geführt, als sei die Fortführung der ethischen Urteilsbildung der Menschen ein Selbstläufer.
Die staatliche Tätigkeit in Bereichen der Erziehung, Ausbildung und Fortbildung kann nur stützend und schützend sein. Der Staat gibt bei uns kein Verständnis vor, wie ich meinen Beruf in meiner inneren Haltung auszuüben und zu verstehen habe. Er setzt aber voraus, der Staat, dass bei den einzelnen und in den Lebenskreisen der Gesellschaft geistig-sittliche Grundhaltungen, Orientierung an Vernunft und sittlichem Grundgefühl, was man tut und lässt, vorhanden ist und ständig gepflegt wird. Kann diese Orientierung bei den einzelnen nicht mehr vorausgesetzt werden, kann auf sie als in der Haltung der einzelnen Bürger, gar des Volkes vorhandene nicht mehr zurückgegriffen werden, so können auch staatliche Maßnahmen oder Maßregelungen sie nicht wieder herstellen. Der Staat, wie er sich in Deutschland herausgebildet hat, ordnet in (berufs)ethischen Fragen nichts an –aber erwartet und setzt voraus –dass Menschen sich an ihren Orten bilden und erinnern an gemeinsam tragende Haltungen!! In diesem Sinne meinte es Ernst-Wolfgang Böckenförde, wenn er davon sprach, dass der weltanschaulich neutrale Staat von Voraussetzungen lebt, die er nicht selbst garantieren kann, deren Pflege er aber dringend benötigt.

Jüngst war ich im Zug unterwegs von Stuttgart nach Hannover und hatte meinen Platz gegenüber einem jungen Mann, der ein Buch in arabischer Sprache las. Wir begrüßten uns kurz –er las in seinem Buch –ich in dem meinigen. Nach rund 30 Minuten fragte er mich, ob ich wohl an Gott glauben würde. Ich war verwirrt über diese Frage, wird man derart direkt nach seine Religion in mitteleuropäischen Zügen doch eher selten gefragt. Ich war, so meine ich, nicht als Christ identifizierbar. Ich antwortete ein wenig umständlich auf seine Frage, verwies auf die Differenz zwischen den Religionen –wollte ihn, den Muslim, auch nicht verletzen –hatte eben Sorge vor möglichen Missverständnissen bei einer möglicherweise zu schlichten Antwort. Er unterbrach meine Redefluss und sagte: „Das will ich alles gar nicht wissen. Ich will nur wissen, ob ich jetzt, wenn ich in d en Speisewagen gehe, meinen Koffer und meine anderen Dinge bei Ihnen in der Nähe lassen kann“.
Er setzte also offensichtlich voraus, dass er bei einem religiös gebundenen Menschen vor Diebstahl sicherer sei als bei einem religiös ungebundenen. Ob er damit richtig liegt? Jedenfalls ließ er seine persönlichen Sachen nach einer positiven und wie von ihm gewünschten eindeutigen Antwort –`ja, ich glaube an Gott´- bei mir zurück; und ich empfand eine große Verpflichtung, ihn nicht zu enttäuschen.

Unsere Freiheitskultur fußt darauf, dass die Bürgerinnen und Bürger sich gebunden fühlen –an Religion, an vernünftige Überzeugungen. Wenn die Gewissensbildung ihre Lebendigkeit verliert, hängt der demokratisch verfasste Staat in der Luft! Das betrifft religiöse Bildung und sittliche Vernunft!!
Wir wissen wohl, dass zu unserer Kultur große Erzählungen gehören – vom Auszug des Volkes Israels aus Ägypten, von den 10 Geboten, die einst gegeben wurden. Wir wissen, dass unsere Kultur von der Erkenntnis einer fundamentalen Differenz lebt – zwischen dem, was Menschen vollbringen und leisten, und dem, was nicht in menschlicher Verfügung liegt. Das erste Gebot der Bibel, dass der die Welt erschaffende Gott von allen selbst gemachten Göttern zu unterscheiden ist, ist die kulturelle Wurzel dafür, zwischen letztem und vorletztem unterscheiden zu können –ja „kulturelle Wurzel der westlichen Demokratien, wie der in Harvard lehrende Politologe Michael Walzer geschrieben hat. Wenn die Erzählkulturen zu lange auf dem Berg bleiben wie Mose auf dem Sinai, dann werden wie damals, als das Volk meinte, er komme mit den 10 Geboten nie wieder vom Berg herunter, an die Stelle, wo eigentlich die 10 Gebote liegen, das Goldene Kalb verehrt. „Auf, mache uns einen Gott, der vor uns her zieht“ -das wird auch in Zukunft die unausrottbare Parole sein, wenn es uns beschieden sein sollte, in einer Welt zu leben, die nur noch Umbrüche, aber keine Verheißung eines spezifisch Unveränderlichen mehr kennt. Was dies bedeuten würde, hat Max Weber so beschrieben: „Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden, oder aber mechanisierte Versteinerung, mit einer Art von krampfhaftem `Sich -wichtig Nehmen´ verbrämt. Dann allerdings könnte für die letzten Menschen dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz, dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“.

Das lutherische Verständnis vom Beruf als Berufung fußt auf der Überzeugung, dass es eine unausrottbare Motivation im Menschen gibt, an seinem Ort das Gerechte und das Notwendige zu tun – und dass es für jede Institution und Organisation gut ist, dieses Grundvertrauen zu sehen und zu pflegen. Das vollzieht sich durch Tugenden, die persönlich angeeignet werden – die persönlich gelebt werden – und nicht durch die noch so überzeugende Auflistung und Verschriftlichung von Kompetenzen.
Welche Tugenden für Führung und Leitung in gesellschaftlichen Organisationen verlangt dieses Berufsverständnis?
– Verlässlichkeit in Veränderungsprozessen
– ein angemessenes Verhältnis von zentraler Steuerung und selbstverantwortlicher Wahrnehmung der Aufgaben vor Ort
– die Überzeugung, dass Verantwortungs- und Entscheidungsebene eng aneinander geknüpft werden müssen
– Spielraum zu Kritik – und zu einer großen Verlässlichkeit in der Arbeitsorganisation
– Bescheidenheit der Verantwortlichen
Und die Aktualität des Berufsverständnisses liegt darin, dass diese Verlässlichkeit durch eine innere Bildung sehr viel stärker erreicht werden kann und wird als durch geregelte und aufgeschriebene Überprüfungsverfahren von Arbeitsleistung und Standards in den Arbeitsleistungen.

Erlauben Sie, dass ich das am Beispiel der Kirche, einer Organisation, die ich sehr viel besser kenne als die Bundespolizei, verdeutlichen möchte. Wir erleben in kirchlichen Bezügen einen Rückgang an Mitgliedern. Wir erleben, entsprechend zur demographischen Entwicklung, dass die Beteiligung am kirchlichen Leben zurückgeht. Das ist ein schmerzhafter Prozess, der durch geschickte Begrifflichkeiten wie anstehende Ressourcenkonzentration, Schwerpunktsetzungen und Evaluationsbedingungen verniedlicht wird, aber nicht geleugnet werden kann. Das führt im System zu Infragestellungen bisheriger Abläufe – und zu Antworten, die gegeben werden, die sich an betrieblichen Wirklichkeiten anlehnen:
1. Die zentrale Steuerung muss verbessert werden, damit für einheitliche Standards von einer Zentrale aus gesorgt werden kann.
2. Personalführung muss enger werden – und auf Input und Output stärker achten.
3. Die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter muss durch geregelte Verfahren überprüft werden.

Natürlich sind diese Verfahren innerhalb der Kirche umstritten. Fusion, Neustrukturierung, intelligenter Umbau, zentrale Regelungsverfahren -das sind Stichworte, die den Umbau der Organisation bestimmen. Wir stellen nun nach einigen Jahren fest, dass bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – insbesondere aber bei den Pastorinnen und Pastoren – diese Vokabeln und Verfahren vor allem wahrgenommen werden als mangelndes Vertrauen der Leitung gegenüber denen, die vor Ort die Arbeit tun. Das wird bei der Bundespolizei vermutlich völlig anders sein. Die Arbeit am Leitbild des Berufes führt, wenn ich auf die Kirche schaue, manchmal zu einer gewissen Kulturvergessenheit. Kulturelle Arbeit ist nichts anderes als ein Instrument gegen das Vergessen. Und so verstehe ich meinen heutigen Beitrag zu Ihrer Tagung. Denn die kulturelle Bedeutung, den Beruf als Berufung zu verstehen, liegt ganz offensichtlich in der Überzeugung: Die innere Bildung eines Menschen zu stärken, die seine ursprüngliche Berufsmotivation, am und mit Menschen zu arbeiten, wie es in der Bundespolizei der Fall ist, immer wieder neu freilegt, muss die Koordinaten für alle Veränderungen in einer Organisation vorgeben. Das haben wir in der Kirche zumindest in den letzten Jahren bisweilen vergessen. Und so kommen Zielvereinbarungen, Evaluationsmaßnahmen, die Standardisierung von Verfahren, die Überprüfung von Input und Output als Mangel des Vertrauens gegenüber der Berufsmotivation der Pastorinnen und Pastoren von Seiten der Leitung rüber. Ganz anders als sie gedacht sind, werden sie missverstanden – und führen bisweilen zu Verstimmung. Auch das ist in der Bundespolizei gewiss völlig anders. Wir merken: wir haben immer mehr vorausgesetzt als dann faktisch kommuniziert worden ist. Wir entdecken den Dialog ganz neu – und erleben dabei das Berufsbild und das Berufsverständnis als eine entscheidende und wichtige Kraft: Alle Veränderungen und systemischen Weiterentwicklungen stehen unter der Überschrift, die Berufsmotivation derer, die in veränderten Zeiten arbeiten, zu stärken.

Was macht einen Redner aus, fragte Luther einst. Auch die Gabe, rechtzeitig aufhören! Mit einem zusammenfassenden Zitat von Martin Luther über die beständige und bleibende Aufgabe, am eigenen Berufsbild zu arbeiten, möchte ich schließen: „Vergesst nicht, Freunde, das beruflichen Leben ist nicht ein feststehendes Sein, sondern ein Werden, nicht eine feststehende Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles.“

Share

Themenbereich: Über den Tellerrand | Drucken

8 Kommentare
Eure Meinung zu diesem Beitrag ist uns wichtig: »

  1. Meinen Beruf als Berufung zu sehen, daß hat man mir in unserer Organisation gründlich und für alle Zeit ausgetrieben, und wenn ich 700 Jahre alt werde!

  2. Es gibt gute und schlechte Reformen. Und dann noch solche künstlichen Konstrukte, die lediglich diese Bezeichnung missbrauchen, um die Wahrheit / Realität zu verschleiern. Die Letzteren mag ich nicht, der Papst sicher eine Andere. Ein Hoch auf dieses Wort. Damit kann man viel anrichten. Gutes und Böses. Aber so ist das nun mal im Leben. Gelobt seien Die, Die da immer genau unterscheiden können. Ich traue mir das nicht in jedem Fall zu. In diesem Sinne lassen wir uns weiter reformieren oder besser reformieren selbst mit!

  3. Diesen Passus:

    „Jüngst war ich im Zug unterwegs von Stuttgart nach Hannover und hatte meinen Platz gegenüber einem jungen Mann, der ein Buch in arabischer Sprache las. Wir begrüßten uns kurz –er las in seinem Buch –ich in dem meinigen. Nach rund 30 Minuten fragte er mich, ob ich wohl an Gott glauben würde. Ich war verwirrt über diese Frage, wird man derart direkt nach seine Religion in mitteleuropäischen Zügen doch eher selten gefragt. Ich war, so meine ich, nicht als Christ identifizierbar.“

    kann ich beim besten Willen (und als Bahnvielfahrer in Zivil) nicht Glauben – sorry.

  4. Die Parallelen zur Amtskirche sich nicht verwunderlich, weil die angesprochenen Instrumente und Verhaltensweisen mittlerweile Bestandteil nahezu des gesamten öffentlichen und zu weiten Teilen auch des privaten Lebens geworden sind.

    So wichtig solche Worte auch gerade für die „Führungselite“ sein mögen, sowenig vermag ich daran zu glauben, dass sie sich irgendjemand irgendwann zu Herzen nimmt! (Zumindest nicht die Mehrheit…) Vielmehr kann man dann feststellen, dass die Folgen solcher Tagungen eher darin bestehen, eine Fülle von neuen „Massnahmen“ und Instrumenten auf den Markt zu werfen, die die Drehzahl noch weiter erhöhen!

    Zitat: „…Ich lass´mir doch die Freude am Beruf nicht nehmen…“?
    …nun ja, diese Berufung sollte ich aber nicht nur von uns kleinen Hansels da unten fordern bzw. voraussetzen, sondern eben auch von denen, die uns mit immer neuen Reformen und Führunmgs- und Evaluationsinstrumenten beglücken! D.h. auch diese sollten in der Lage sein, einzusehen, wann man sich welche Aktivität im Sinne des Großen Ganzen eher klemmen sollte bzw. sich deren Wirkung ins Gegenteil zu verkehren beginnt!…-
    Noch besser wäre es, wenn sie diese Erkenntnis dann nicht nur sich selbst gegenüber sondern auch den Vorgesetzten gegenüber vertreten würden!

    Eigentlich läuft der Laden nur noch aus dem Grund halbwegs, den Bischof Manzke nennt: Weil sich die Masse „da unten“ eben (noch) nicht von allen einschnürenden Vorschriften die Freude am Beruf und damit der Berufung nehmen lässt!

    Man kann sich allerdings des Eindruckes nicht erwehren, dass man „oben“ alles unternimmt, um dieses zu ändern….

  5. Der Bundesgrenzschutz war für mich eine Berufung.
    Wir hatten Offiziere mit Mut und erfüllten unseren Dienst mit Leidenschaft – koste es was es wolle.
    Wir waren eine Gemeinschaft, die sich aus Idealisten zusammensetzte.
    Idealisten, die aus Überzeugung nur die Erfüllung eines Zieles sich zum Auftrag machten.
    Ich hatte meinen Dienst geliebt.

    Ab 2000/2001 veränderte sich langsam alles.
    Es entstanden Distanzen zwischen „Leitung“ und Mitarbeiter.
    Wir wurden zu Dienstleistern degradiert.
    Ich frage mich immer: wer hat damals in der Schule gesagt: Traumjob Dienstleister…
    Uns wurde ein unterwürfiges Verhalten aufgezwängt was in Wiederspruch zur eigenen Denkweise steht.
    Dadurch entstand Unzufriedenheit.
    Heute, wo Betriebswirte mir vorrechnen, wie ich meinen JOB zu erfüllen habe das in irgendeiner
    Excell Tabelle die Zahlen stimmen, habe ich keine Verbindung mehr in mir.

    Ich bin Polizist, keine Servicekraft – und das aus Überzeugung.
    Versteht das irgendwann eine intelligente Führung, ändert die Ausbildung, erzieht wieder richtig, schenkt vertrauen jedem Rang, dann könnten wir noch eine Umkehr erwirken…

    Wir sind keine Firma! Wir arbeiten nicht produktiv! Wenn die Rettung eines Lebens ansteht, dann ist uns das völlig egal was es kostet! Wir sind die Hüter von Recht und Ordnung!
    Kapiert das Endlich werte Manager!

  6. @Freidenker:

    Genau so ist es!

    ab dem Jahr 2000 ging es mit dem Laden rapide bergab. Aber gut, so lange jeder an sich denkt ist an jeden gedacht, oder wie war das?

  7. Auch ich stimme „Freidenker“ 100% zu.
    So lange eine AE in der Statistik um WELTEN wichtiger ist (und wenn sie schon 25 mal geschrieben wurde), als sich um eine HiloPe am Bahnhof zu kümmern, oder eine Schlägerei zu verhindern, solange stimmt etwas in unserem Verein nicht.
    Unsere „Offiziere“ machen die jungen Kollegen kaputt und bekommen dafür Lob und Anerkennung durch einen noch tolleren Offizier. Hauptsache die Statistik der Fahndungspolizei stimmt.

  8. I. Beruf als Berufung verstehen. aus der Sicht eines PvB am Bahnhof:
    Was versteht man unter dieser Überschrift? Es gibt i.d.R. einen Geschädigten. Ob eine Institution wie die Bahngesellschaften und deren Mitarbeiter, den Reisenden oder denjenigen der die Bahnanlage aus welchem Grund auch immer, benutzt.
    Meine Aufgabe ist es doch, wenn auf die Bahn, den Reisenden, oder den Benutzer der Bahnanlage ein schädigendes Ereignis eintritt, alle Vor und Nachteile zu ermitteln um jedem zu seinem Recht zu verhelfen. Der Geschädigte, egal ob Institution oder Privatperson hat ein Recht auf umfassende Aufklärung des Sachverhaltes, denn es können dadurch eventuelle zivilrechtliche Ansprüche geltend gemacht werden.
    Da sollte nicht nach Status der Person oder der Institution gegangen werden. Jeder hat da sein Recht das der PVB den Sachverhalt ohne Ansehen der Person aufklärt.
    Auch der Reisende, der z.B. auf die Dienststelle kommt und Hilfe benötigt, weil er nur seinen Koffer auf einem Bahnsteig hat stehen lassen. Da gibt es immer eine Lösung die ausgeschöpft werden kann, um nachzusehen oder der Koffer noch am Bahnsteig steht. Diese Möglichkeiten sollten genutzt werden, bevor man den um Hilfesuchenden nach Hause schickt. Das macht natürlich nicht jeder PVB gerne, weil es i.d.R. mit viel Arbeit verbunden ist.
    Versetzt man sich in die Situation des Hilfesuchenden, denn auch ein PvB kann mal als Privatreisender in diese Situation gelangen und wäre froh wenn ihm auch geholfen wird
    Das ist nur eine Möglichkeit aus dem dienstlichen Alltag. Aber wenn man sich um Menschen kümmert, die in eine hilflose Lage geraten, hat seinen Job als Polizeibeamter auch verstanden.