Wir sind keine „Wanderbeamten“ – oder: von der Entfremdung von Familie und Beruf

Jörg Radek, stelv. Vorsitzender des GdP Bezirk Bundespolizei

Jörg Radek, stelv. Vorsitzender des GdP Bezirk Bundespolizei

Von Jörg Radek, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Aus China kennen wir den Begriff der „Wanderarbeiter“. Es sind Menschen, die weit entfernt von ihren Familien den Lebensunterhalt verdienen. In der Bundespolizei kennen wir vergleichbares.

Nicht dem Lockruf des Geldes folgend, sondern der politischen Schwerpunktsetzung oder dem Reformeifer von Ministern. Die Aufgabenerfüllung erfordert räumliche Beweglichkeit. Diese Beweglichkeit entfremdet die Menschen zuerst von ihren Familien. – Für den Berufsanfänger bedeutet dies die Entfremdung von Elternhaus und Clique. Eine Familiengründung wird erschwert. In einer weiteren Folge wird aus der Beweglichkeit eine Nichtsesshaftigkeit. Zwar nicht im Sinne des Melderechts, aber im Sinne der Pflege von sozialen Kontakten.

Wir Menschen sind jedoch keine anonymen Wesen. Die Abordnungspraxis in der Bundespolizei sorgt dafür, dass sich für die Menschen auf dem Weg von der Familie zur Arbeit alles nur noch um die Arbeit dreht. Wir leben jedoch nicht für die Arbeit. Unsere Kolleginnen und Kollegen können nicht mehr entspannen und beginnen, sich von ihrer Arbeit zu entfremden.

Entfremdung von Familie und Beruf kann nicht unser Ziel sein. – Sie darf nicht zum Prinzip werden!

Die Bundespolizeiakademie nimmt Angelegenheiten der Personalverwaltung für den mittleren und gehobenen Polizeivollzugsdienst und den Verwaltungsdienst wahr. Dies umfasst insbesondere die Personalplanung.

Diese Entscheidung wurde seitens der Gewerkschaft abgelehnt, da diesem Vorschlag keine abschließende Prozessbetrachtung des Personalmanagements zugrunde liegt. In der Diskussion befindet sich nun ein Personalentwicklungskonzept, welches mit viel Prosa die Situation beschreibt und den Versuch unternimmt, Lösungen anzubieten.

Doch es ist ein Stückwerk in Form von bürokratischer Belletristik. – Die Realitäten der Menschen in der Bundespolizei werden nicht zur Kenntnis genommen.

Zur Verbesserung der Personallage in der Bundespolizei ist es konsequent, regional einzustellen. Im Wettbewerb zum Ausbildungsangebot ist die „heimatferne“ Ausbildung und die familienferne Verwendung unser größtes Handicap. Sie zu verringern und nicht zu verschärfen, daran müssen wir arbeiten. Ziel muss es sein, dass die Direktionen in den Regionen Einstellungsbehörden werden und ihren Bedarf selbstständig erheben und einstellen dürfen. Viele Probleme im späteren Berufsverlauf ergeben sich durch übertriebenen Zentralismus vom Berufsbeginn an.

Aus der Vergangenheit, geprägt durch die überwiegende Verbandsstruktur, stammen die Begriffe Verweildauer oder Standzeiten in der Bereitschaftspolizei. Die Erfahrung lehrt, dass solche Fristen nur zu Frust führen und für eine permanente Personalrotation sorgen. Mitarbeiter und Dienststelle brauchen Verlässlichkeit. Diese schafft nach unseren Vorstellungen eine regionale Werbung und Einstellung. Faire Weiterversetzungsmöglichkeiten auf ausschließlich freiwilliger Basis – also eine Verbindlichkeit, an der es bis heute fehlt – sind weitere Bausteine. Dies gilt vor allem für die Ballungsraumdienststellen und die Bundesbereitschaftspolizei.

Die Menschen und ihre Familien in der Bundespolizei brauchen Konkretes. Der Berufsverlauf darf nicht zum Lebensschicksal werden. Der berufliche Werdegang innerhalb eines Lebensplans braucht einen verbindlichen Rahmen. – Dieser Rahmen muss der Lebensdynamik der Menschen Rechnung tragen.

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Themenbereich: Bundespolizei - Reform | Drucken

11 Kommentare
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  1. Anm. der Redaktion: Beitrag wurde verschoben. http://www.gdpbundespolizei.de/2013/09/ausgleich-fuer-dienst-zu-wechselnden-zeiten-minister-friedrich-und-bundesregierung-muessen-endlich-verlaesslichkeit-beweisen/#comment-35717

  2. Hallo Kollege Radek,

    Ich hab den Artikel bereits in der GDP Zeitung gelesen und kann Dir nur uneingeschränkt beipflichten.

    Ich hoffe ich erlebe noch mal konsolidiertere Zeiten bei unserer Behörde.

    Das Wort Konsolidierung war ja ein K unseres Präsidenten.

    Man wird sehen

  3. Schöne Worte, nur was interessiert dies unsere „Manager“? Der einfache Beamte ist eine gesichtslose Nummer, welche beliebig hin- und hergeschoben werden kann/wird. Wie geschrieben steht dann entweder eine Entfremdung der Familie an, welche man nur noch selten sieht oder eine Entfremdung vom Beruf. Ich persönlich glaube an keine Verbesserung mehr in unserer Behörde und habe ich dafür für meine Familie entschieden. Meine Tätigkeit in dieser Behörde kommt in meiner Lebensplanung nur noch unter ferner liefen vor.

  4. Meiner Meinung nach geht es nicht zwangsläufig um regionale Einstellungen. Wenn man einfach seitens unserer „Manager“ mal bei den Länderpolizeien spicken und dann abschreiben würde, wäre es schon ein guter Schritt.
    Die sagen nämlich seit vielen Jahren schon vor der Einstellung dass es erst einmal für 10 Jahre in einen Ballungsraum geht.
    Da weiß jeder Bescheid und kann sich danach richten. Wenn man mit entsprechender Berücksichtigung der Altersstruktur dann die Leute verteilt, hat jeder eine Perspektive. Und dann sind auch regionale Verwendungen möglich.
    Dabei müssten in den ersten 10 Jahren sowohl die Abteilungen als die Schwerpunktdienststellen bedient werden.

    Aber ich sehe das nicht, weil ich auch sonst kein Personalkonzept sehe. Die Abordnungen zum Flughafen München, ohne dass es dort eine nennenswerte Anzahl von freien nicht besetzten Dienstposten gibt, sind nicht nur wegen der Dauer von nunmehr 20 Jahren ein Skandal und Armutszeugnis einer Personalpolitik die in der öffentlichen Verwaltung ihres Gleichen sucht.
    Dabei rede ich noch nicht einmal angesichts überfüllter Pausenräume über die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit dieser Abordnungen.

    Es ist an der Zeit, endlich einmal umzudenken. Abordnungen, Melde- und Erhebungsverpflichtungen mit nicht planstellenunterlegter Besetzung sowie andere Fremdverwendungen, bei mindestens gleichem Arbeitsaufkommen sind einfach nicht mehr möglich.
    Weil sich keiner traut zu remonstrieren, aber nach unten delegiert, muss die Arbeitsebene eben sehen, wie sie klar kommt. Besserung ist nicht in Sicht.

    Mein Gott freue ich mich auf meine Pensionierung.

  5. „Entfremdung von Familie und Beruf kann nicht unser Ziel sein. – Sie darf nicht zum Prinzip werden!“

    Ist das nicht schon lange Prinzip?

    Der Berufsverlauf darf nicht zum Lebensschicksal werden.

    Für viele in der Behörde ist das Nomadentum schon zum Lebensschicksal geworden.

    Sie haben sich mit allen persönlichen Konsequenzen damit abfinden müssen und zwar „dank“ der von Jörg Radek benannten „politischen Schwerpunktsetzung oder dem Reformeifer von Ministern.“ Hier hätte man m.E. ruhig noch von ignoranten, ahnungslosen und arroganten politischen Entscheidungen durch genau diese politischen Entscheidungsträger sprechen können.

  6. Bei Abordnungen kommt nicht nur „Entfremdung“ auf. Wenn einem bspw. gesagt wird, man soll sich Verwendungsbreite aneignen. Damit würde nicht nur der Organisation gedient, sondern dadurch auch das eigene Fachwissen und die Berufserfahrung für die tägliche Diensterfüllung erweitert. Wenn es dann aber um Beurteilungen und damit verbundene Beurteilungsbeiträge geht, tritt plötzlich eine völlig andere Argumentationskette in Kraft. Da werden dann Beurteilungsbeiträge vom Erstbeurteiler kurz mal kassiert, egal ob sie bspw. von der obersten Dienstbehörde stammen.Teilweise mit ganz simplen Begründungen. Hauptargument ist dann plötzlich, für mich zählt nur Deine Leistung und Zeit in meiner Einheit. Die Folge ist dann nicht nur Entfremdung von der Stammdienststelle und der Heimat, sondern auch entsprechende „Befremdung“ darüber, dass man von seinem fürsorglichen Dienstvorgesetzten auf diese Art und Weise sprichwörtlich „hinter die Fichte geführt wurde!“

  7. Jede Versetzung oder Abordnung wäre erträglicher und hinnehmbar, wenn man am Entsendeort dieselbe soziale Infrastruktur wiederfinden würde wie zu Hause. Soll heißen: aus Verwandten, Freunden und sozialen Netzwerken (echte Menschen). Politik, Wirtschaft und unser Dienstherr erwarten Mobilität wie nie zuvor. Die aufnehmende Bevölkerung (außerhalb der neuen Kollegen) darf sich dagegen ungeniert aufführen in der Bandbreite zwischen unbegründeter Distanz und offener Fremdenfeindlichkeit. Niemand unternimmt etwas dagegen.
    Hier sind nicht der betroffene Beamte, Gewerkschaft und die Führung der Bundespolizei gefragt, sondern die hohe Politik. Ein Bürger, der einem Menschen aus einem Bundesland die Kommunikation und somit den Zugang zum örtlichen Netzwerk verweigert, ist genauso zu ächten und gesetzlich zu sanktionieren, wie einer, der einen Menschen anderer Hautfarbe ausgrenzt.
    Alles natürlich, wenn eigener Integrationswille vorhanden ist.

  8. Deutsche Zollbeamte sind seit Bestehen der BRD Wanderbeamte ! Punkt !

  9. Dazu passt jetzt die bevorstehende Abordnung (Stärkemäßig eine EHU) der Verbände nach FFM.
    Aber sie rechnen noch…könnte auch noch mehr werden.

  10. Zu Antwort Nr. 8 und allen anderen Antworten: Wir sind alles Bundesbeamte, die im gesamten Bundesgebiet (nach gutdünken) „abgeordnet bzw. versetzt“ werden können. Die einzige Frage die sich mir aber immer wieder stellt: Gibt es am Punkt B oder C oder D nicht genügend BPol oder Zollbeamte? – wesewegen sich der/die Kollege(n) vom Standort A dorthin begeben müssen? Hier scheint es eher an der bundesweiten Personaleinstellung, -verteilung bzw. Personalpolitik zu liegen.

  11. Hallo,
    Ich bin angehender Polizeikommisaranwärter und habe einige Fragen.
    Zu meinem Beratungsgespräch wurde angefügt, ich könne deutschlandweit eingesetzt werden bei Abschluss meines Studiums.
    Gibt es Informationen darüber, wo zurzeit die „Mangelpunkte“ sind, bzw. wo man wahrscheinlich stationiert wird? Und bedeutet eine Stationierung „weit“ weg, sprich von Schleswig-Holstein nach Bayern, das aus für die Beziehung? Gibt es Anträge darauf, in welche Regionen man vorzugsweise stationiert werden möchte oder Ähnliches? Arbeitet der Partner nämlich selbst an der Karriere, ist es nicht unbedingt möglich die Beziehung auf bspw. 500 Km (weiter) zu führen.

    Lg