Balance halten kostet Kraft

Jörg Radek, Vorsitzender der GdP-Bezirk Bundespolizei

Jörg Radek, Vorsitzender der GdP-Bezirk Bundespolizei

Von Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Hingabe kostet Kraft und verlangt Achtsamkeit. Wir haben in der Bundespolizei jedoch kein Erkenntnisproblem. Viele Beschäftigte stehen dauerhaft unter psychischem Druck, da es ihnen ständig an Zeit fehlt, sich im gewünschten Maße Zeit für ihre Elternrolle oder die Pflege von Angehörigen einzuräumen.

Unsere „Klartext-Studie“ machte diese Belastungen transparent:

– Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf beurteilen 38,9% als mittel-mäßig.
– Die Belastungen für die Familien von Beschäftigten der Bundespolizei durch mehrmaligen Wohnortswechsel – aufgrund von Versetzungen – bewerten 53,4% als sehr groß.
– Die Möglichkeit, vor dem Hinter-grund der beruflichen Tätigkeiten privaten Verpflichtungen (z. B. der Kinderbetreuung) nachzukommen, bewerten 36,6% als mittelmäßig, 26,1% als schlecht und 13,8% als sehr schlecht.

Ein schlechtes Zeugnis zu einer Zeit, da die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu den Standardvokabeln gehört. Es ist an der Zeit, darauf zu achten, dass sie nicht zu einer Floskel veröden … Der Anspruch an ein „perfektes“ Leben ist vollumfassend und im Beruf erleben die Menschen ständig Optimierungsprozesse.

Personalmangel durch Zusatzaufgaben – bei gleichzeitigem Personalabbau – führt zu einer beruflichen Überbeanspruchung.

In einer komplexeren Berufswelt wird zur Kinderbetreuung, bis hin zur Pflegesituation, immer mehr privates Engagement auch politisch eingefordert. Der Kostendruck führt jedoch einerseits zum Arbeitsdruck und andererseits zu familiäreren Belastungen. Und es darf nicht vergessen werden: Die Dienstleis-tung der Polizei ist eine Aufgabe von Menschen an Menschen. Deren Handlungsfähigkeiten hängen eng mit ihrem Wohlbefinden zusammen. Bisher wurden diese Verknüpfungen – in der Ableitung zur Notwendigkeit in einem Ausgleich – nicht erkannt. Die Balance zwischen Familie und Beruf zu halten, kostet Kraft. Doch woraus schöpfen die Menschen Kraft?

Wir leben nicht um zu arbeiten. Die Menschen in der Bundespolizei brauchen endlich Antworten zu ihren berechtigten sozialen Anliegen und Fragen. Der Beruf in der Polizei ist ein Lebensberuf. Im Mittelpunkt des Lebensinteresses der Beschäftigten der Polizei steht nicht der Beruf, sondern die Familie. Wobei das Familienbild des Internetzeitalters nicht vergleichbar ist mit jenem des Biedermeiers. Die heutigen Familien-aufstellungen organisieren sich partnerschaftlicher.

Wer volle Hingabe abverlangt, muss die Arbeitsbedingungen auch familienfreundlicher gestalten. Der arbeitende Mensch hat einen Anspruch auf eine ausgewogene Balance von Privatleben und Beruf. Niemandem ist es gleichgültig, ob er seine Arbeit „nur erträgt“ oder als positiven Teil seines von Arbeit prägen die Menschen in der Arbeitswelt. Die Qualität der Fürsorge zeigt sich an der Achtsamkeit für die Menschen.
Für diejenigen, die mit Überzeugung ausschließlich von Erkenntnissen aus einem Zahlenwerk ausgehen, sei gesagt, dass sich dies in der Bundespolizei in den Fehlzeiten unserer Beschäftigten ausdrückt. – Doch diese Erkenntnis sucht sich ihre Ausreden. In solchen Fällen zeigt sich dann das verinnerlichte Menschenbild.

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10 Kommentare
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  1. Wie oft denn noch solche Beiträge. Macht doch endlich mal was. Nur leere Worthülsen, immer das gleiche und es ändert sich doch nichts. Gebt mal eine eindeutige Antwort, auf unsere Anfragen zur 39 Stunden/Woche!!!!!! Auf Verbesserungen für die Menschen im Schichtdienst!!!!! Langsam langt es.

  2. s.o.
    Wer volle Hingabe verlangt…

    sollte unter anderem auch die Mitarbeiter gleich behandeln.

    Habe 31 Dienstjahre, bin im Eingangsamt.

    Es gibt keine Möglichkeit aufgrund ausgeschöpfter Quoten besser beurteilt zu werden.
    Es gibt keine Möglichkeit befördert zu werden.

    Jetzt kommen die Beförderungen aus Ruhestandsdaten.

    Bin nach 31 Dienstjahren wieder nicht zum PHM dran.

    Zum Glück sind Gedanken frei, ich möchte sie hier gar nicht niederschreiben.

  3. das interesse der beschäftigten am inneren zustand der bundespolizei wird immer geringer.
    die politiker haben es vorgelebt. seit jahren ignorieren sie empfehlungen aus der klartextstudie sowie anderen wissenschaftlichen untersuchungen. die politiker nehmen -außer sich selbst- nichts ernst. wir nähern uns langsam einem zustand wo die beschäftigten beginnen, sich genauso zu verhalten. sie nehmen die verantwortlichen nicht mehr für voll. egal ob politiker, politische beamte, hohe führungskräfe, ja sogar gewerkschaftler. diese entwicklung kann man in den beiträgen immer öfter lesen und im täglichen dienst spüren. nicht wenige können die sich ewig wiederholenden beteuerungen, versprechungen, forderungen, programme, mahnungen, berichte über treffen mit politikern, nicht mehr hören. weil sich nichts tut. irendwann schaltet man auf durchzug-zum selbstschutz.
    manche haben aus diesen gründen bereits resigniert.
    dies bemerken auch andere. diese ungerechtigkeits-, chaos- und (sonder)polizeibehörde ist auch für externe schon längere zeit genau an diesem status quo erkennbar. ich halte das, gelinde gesagt, für sehr beunruhigend.

    arme, für die sicherheitsarchitektur angeblich so wichtige, bundespolizei! aber wen interessiert’s wirklich?

  4. Ich bin mir nicht sicher wie alt diese Studien nun mittlerweile sind.
    Allerdings muss ich meinen Vorrednern recht geben…. in der Linie (zumindest am Flughafen) kam von alldem nichts an. Eine Aussage zur 39 Stundenwoche gab es bis jetzt auch nicht.
    Ich finde es bemerkenswert, wie Sachen wie ein „Elternbüro“ und wenn es einmal genutzt wird, im Intranet gefeiert wird. Meines Wissens nach baut Néstle in Frankfurt genau neben dem Firmensitz einen ganzen Kindergarten für die Mitarbeiter.
    Das gibt es mitterlweile auch bei anderen Firmen und wir sind stolz auf ein Büro. Wenn ich mich mit dem kleinen Arbeitgeber von nebenan vergleiche, sind wir mit dem Büro natürlich erste Sahne.
    Mir wurde mal gesagt, schau nicht nach den Schlechten wenn du dich vergleichen willst, schau nach den Besten.
    Leider kam das bei unserem Arbeitgeber nicht an.

    In diesem Sinne einen schönen Dienst oder ein schönes Wochenende

  5. Wochenarbeitszeit runter auf 38.5 h die woche ist das beste für vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dann gibs auch keine Probleme mehr.Der Anscheinend hohe Krankenstand wird dann hoechst wahrscheinlich auch wieder runter gehen und man hätte dann auch wieder mehr Personal. Soviel Fliegen mit einer Klappe schlagen ist wohl zu einfach umzusetzen darum läßt man es wohl.

  6. Reduzierung der Wochenarbeitszeit als Lösung hier in den Kommentaren. Schallendes Gelächter vom Emsland bis weit in das Ruhrgebiet. Die Betroffenen haben eh keine Zeit hier zu kommentieren. Was hat denn Herr Dr. Schäuble bei der Bundespolizei angerichtet ? Dienststellen reduziert und das Personal musste wandern. In völliger Verkennung der Realität. Im Westen versteht sich.
    Bei der Bundespolizei wird man solange verheizt, bis es nicht mehr geht. Das ist die Wahrheit. Die Familie ist vollkommen egal. Es wird gar keine Rücksicht auf die privaten Verhältnisse genommen. Gerade bei jungen Kollegen. Also können diese auch erst gar keine Familie gründen. Das ist eine besonders schlimme Form der Familienfeindlichkeit. Zudem wie soll wohl ein Kollege in gewissen Ballungsräumen eine anständige Wohnung für eine Familie finden. Also werden viele zu Pendler, was die Gesundheit ebenfalls mitnimmt. Aber dank familienfeindlicher Wohnungspolitik oder gewisser Gegenden bleibt keine andere Wahl. Die Kollegen vom Zoll haben es derweil nicht besser und zum Teil schlechter. Dort jagt eine Reform die andere Reform.
    Der Fluch der Bundesbehörden.
    Nicht dass es bei den Kollegen der Landespolizeien sehr viel besser ist. Auch sie werden verheizt. Vorwiegend in Einsatzverbänden und danach im Schichtdienst. Hier ist die Belastung auch enorm. Vor allem der mangelhafte Respekt der Bürger und die Medienbeeinflussung machen der Landespolizei zu schaffen. Mit vielen Bürgern ist bei Familienstreitigkeiten, Nachbarschafts oder gar banalen Verkehrsunfällen kein normaler verbaler Umgang möglich. Aber anscheinend soll es so sein. In den gewissen Medien wird der Umgang vorgelebt in Pyseudo Sendungen, untermauert von Kommentaren echten Polizeibeamter oder nachgespielt von echten Polizisten, das Volk lebt es auf der Strasse.
    Es wird bald die Zeit kommen, in der Bundespolizei, Zoll und die Polizeien der Länder kein ausreichendes Personal mehr bekommen. Berlin ist bereits der Prototyp. Keine Kasernierung mehr in der Ausbildung. Also bekommt man in der Regel nur Berliner, die bereits in der Stadt wohnen. Von ausserhalb zieht kaum einer freiwillig in diese Stadt um Polizeibeamter zu werden. Die hohen Mieten oder Alternative Pendler. Zudem sich in Berlin (und nicht nur dort) Polizeibeamte ausserhalb des Dienstes nicht alleine in den ÖPN trauen, den sie ja kostenlos nutzen können.
    Traurig ist das liebe Kollegen.
    In den USA läuft das gänzlich anders. Zudem je nach Risiko die Polizisten mehr Geld erhalten. Ausserdem der Zusammenhalt und das Zusammenleben in Siedlungen leben da eine Tatsache ist. So kann man sich auch schützen. Wir sind doch der kleine Bruder. Also nehmt die Beispiele aus den USA. Und da gibt es auch keine dumme Neiddebatte. Da gönnt man es denen, die freiwillig die Anständigen schützen und dem Volk dienen.

  7. Viel gibt es zu den vorangegangenen Einträgen nicht zu ergänzen.

    Aus meiner Sicht nötig:

    – 38,5 Std. Woche für die Schichtdienstler (aus meiner Sicht ist dies auch das beste Mittel um Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen)

    – 5,- Euro DuZ für Nachtdienste (20-6), Samstage ab 13:00 Uhr sowie ganztägig für Sonn- und Feiertage (u.a. eine Entschädigung dafür, dass die Familie ungewöhnlichen Arbeitszeiten ausgesetzt ist)

    – (Wieder-)Einführung bzw. Berücksichtigung sozialer Komponenten bei Beurteilungen und Beförderung (z.B. Rücksichtnahme auf Lebensalter und persönlicher Umstände)

    – klare Aufgabenbenennung inkl. gesetzlicher Regelnungen (dient u.a der Rechtsichersheit bei der täglichen Arbeit und macht das Leben/Arbeiten leichter)

    – Erhöhung des Personalbestandes (führt garantiert zu weniger Belastung)

    Dann verbessert sich vieleicht etwas. Aber das ist nur meine bescheidene Meinung.

  8. Zu meine obigen Kommentar kommen natürlich noch weitere aspekte hinzu.
    Erfahrungsaufstiege in Verbindung mit Beurteilungen. Wer gut ist wird schneller Befördert in Richtung Endamt wer schlechter ist wird später befördert. In diesem Zusammengang auch eine eigene Besoldung für die Polizei einführen oder zumindest eine Öffnung der Laufbahnen vom md in den gd ohne diese Sinnlos Prüfung nur um das gleiche wie vorher zumachen. Wer führen will macht den richtigen gd-lehrgang
    Wir sind eine Bundesbehörde also warum bekommt man es nicht hin regional einzustellen und für alle oder zumindest einen sehr grossen
    Anteil eine Heimatnahe verwendung zu finden.
    endlich mehr Personal sonst dauert es nucht lange und es kolabiert das gesamt konstrukt Bundespolizei bei derart vielen aufgaben.
    Ich frage mich an wem das liegt das aber auch reingarnichts zum positiven verändert wird.

  9. Was passiert eigentlich, wenn an einem Dienstagmorgen plötzlich in jeder DG und jeder Hundertschaft 40% krank sind und zu Hause bleiben???

    Wir dürfen nicht streiken (ist auch gut so), aber wer krank ist oder sich krank fühlt, geht zum Arzt!

    Wär doch mal eine deutliche Geste in Richtung Politik, wenn fast alle oder alle Kollegen sich krank melden.
    Sorry für die Kollegen der Vorschicht (Ihr müsst dann wahrscheinlich ranhängen!).

    P.S. Der 01.07. ist ein Diensttagmorgen!!!

    Natürlich rufe ich nicht dazu auf, mich interessiert nur, was passieren würde, wenn es passiert.
    Möge jeder selbst entscheiden.

  10. In den o.a. Beiträgen ist schon vieles gesagt worden. U.a. auch, dass ein ordentliches Gehalt auch ein bisschen zur Zufriedenheit beiträgt. Am morgigen Donnerstag, 19.06. urteilt um 09:30 Uhr die 2. Kammer des EuGH zur alterdiskriminierenden Bezahlung (Erfahrungsstufen). Ich hoffe das der Bund und auch die Länder wieder einrmal eine Niederlage erleidet.