Vom Staatsdiener zum Faktor „Mensch“

Jörg Radek_04_webIn der Vergangenheit bestand ein Spannungsverhältnis im Rahmen der Fürsorge darin, einen Ausgleich zwischen der Belastung des Einzelnen und den Interessen des Dienstherren herzustellen – also einen permanenten Ausgleich zu den Vorgaben an einen reibungslosen, ungestörten Arbeitsablauf in der Behörde durch eine Arbeitsorganisation mit erträglichem Arbeitstempo. Doch durch die Prozessoptimierung im Rahmen von betriebswirtschaftlichen Methoden in der Polizei wurde der Polizeibeschäftigte zu einem Wirtschaftsgut.

Sein Arbeitsverhalten wurde marktorientiert bewertet und privatisiert oder zu einem Faktor von uneingeschränkten rationalen Verhalten. Seine Eingriffsmaßnahme mutierte zu Zahlen, Daten und Fakten. Dem Wertmuster von polizeilichen Tugenden wie Gerechtigkeit, Tapferkeit und Wahrheitsliebe wurden scheinbar zeitgemäße Begriffe wie Human- und Sozialkapital hinzugefügt, ohne jedoch die Entwicklung einer Fehlerkultur.

Eine Schlussfolgerung muss deshalb sein, den übertriebenen Wirtschaftlichkeitsansatz zu ersetzen durch die Zuwendung zu den Menschen. Auch für eine beschäftigtenfreundliche Gestaltung speziell der polizeilichen Arbeitswelt bedarf es statt wohlklingender Absichtserklärungen einer Analyse des Personalbedarfs hinsichtlich Altersstruktur und Fachkenntnissen inwieweit die Altersabgänge Personal- oder Wissenslücken entstehen lassen. Dies wird maßgeblich davon beeinflusst, wie sich künftig die Aufgabenbereiche und ihre Stellenausstattung entwickeln. Daraus ergibt sich der Handlungsdruck, um den Verlust von praktischem Erfahrungswissen entgegen zu wirken.
Der Beruf bei der Polizei ist ein Lebensberuf. Im Mittelpunkt des Lebensinteresses der Beschäftigten steht jedoch nicht ihr Beruf, sondern die Familie. Die Lebenserfüllung ist die Geborgenheit der Familie. Wobei das Familienbild des Internetzeitalters nicht vergleichbar ist mit jenem des Biedermeier. Das Wohlbefinden drückt sich in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und auch von Pflege und Beruf aus. Es existiert daher ein berechtigtes Interesse der Gesellschaft, dass diese Aspekte stärker berücksichtigt werden als bisher.

Eine Fürsorge auf der Höhe der Zeit betrachtet die einzelnen Lebensphasen: Die Situation eines Berufsanfängers, der als Einstieg von seinem sozialen Umfeld getrennt wird, Menschen, die eine Familie gründen wollen, oder Menschen, die eine Pflegesituation zu bewältigen haben. In jeder Lebensphase ist die Erwartung an ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben eine andere. Niemand ist es gleichgültig, ob er seine berufliche Arbeit nur erträgt oder als positiven Teil seines Lebens empfindet und mit Befriedigung gestaltet. Verbindlichkeit, Planbarkeit, Verlässlichkeit sind Gegengewichte zu Anforderungen und Belastungen. Der Umgang mit den sozialen Folgen prägt die Menschen in unserer Arbeitswelt. Diese Elemente sind Ausdruck für das Soziale und bestimmen die Qualität der Fürsorge. Eine gelungene Verbindung  aus beruflichem Einsatz mit den Vorstellungen zur Gestaltung eines erfüllten Privatlebens rückt bei den Menschen immer mehr in den Vordergrund. Auf der Höhe der Zeit heißt Fürsorge für ein wirkungsvolles Gesundheitsmanagement. Bereits in der Weimarer Republik wurde der Umfang einer Generalklausel „Fürsorgepflicht“ durch die Rechtsprechung, beispielsweise hinsichtlich der gesundheitsgefährdenden Überlastung, konkretisiert.

Nachhaltiges Handeln erfordert für die Organisation der Polizei, dass die sozialen Folgen von Arbeitsabläufen für die Menschen abgeschätzt und auf ihre Wirkung hin überprüft werden müssen. Hier müssen wir uns als eine Arbeitsorganisation für Menschen weiterentwickeln.

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6 Kommentare
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  1. Der Faktor „Mensch“, ich habe den Begriff einmal bei Wikipedia nachgeschlagen und folgendes gefunden:

    Faktor (lat. factor ‚Macher, Urheber‘) steht für:
    – eine Einflussgröße auf ein Geschehen, z. B. biotische und abiotische Faktoren in der Ökologie
    – Operand einer Multiplikation
    – eine spezielle von-Neumann-Algebra
    – Teilgraph in der Graphentheorie, siehe Faktor (Graphentheorie)
    – Werkmeister einer Buchdruckerei (veralteter Ausdruck), siehe Druckersprache
    – Leiter einer Faktorei
    – unabhängige Variable im psychologischen Experiment

    Das was ich dort lesen kann passt allerdings nicht in das Menschenbild, dass von unserem Vorsitzenden Jörg Radek gefordert wird. Von daher würde der Begriff „Faktor Mensch“ auch sicherlich einen vorderen Platz beim Unwort des Jahres belegen.
    Anzusetzen ist hier in der Führungslehre der Bundespolizei, die aus meiner Sicht in den letzten Jahren immer mehr in die Managmentwelt der freien Wirtschaft entglitten ist. Daher ist eine Umkehr angesagt: Nicht „Vom Staatsdiener zum Faktor Mensch“, sondern „der Staatsdiener als Mensch“ müsste es zukünftig in der Bundespolizei heißen. Nur dann kann es gelingen die Bundespolizei für die Zukunft aufzustellen und die Herausforderungen zu meistern. Wie will man sonst den Nachwuchs dazu bewegen, sich für den Beruf des Polizisten in der Bundespolizei zu begeistern. Dazu müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden die den Menschen in den Mittelpunkt stellen, denn nur dann kann es gelingen den Spagat zwischen dem Polizeiberuf und der Familie herzustellen. Erste Ansatzpunkte sind sicherlich geschaffen, siehe das Audit Familie und Beruf, doch dies kann nur ein Anfang sein. Was vor allen Dingen geschehen muss ist ein Umdenken in den Köpfen der Führungskräfte der Bundespolizei, also weg von Fallzahlen etc. und zurück zu dem was einmal das Leitbild gefordert hat, nämlich Begriffe wie Transparenz, kooperative Führung, Eigenverantwortung etc, denn diese Worte müssen wieder in den Vordergrund rücken. Nur wenn wir dieses Leitbild wieder leben, und dazu gehört selbstverständlich auch die finanzielle Ausstattung der Bundespolizei, können wir uns für die Zukunft aufstellen und mit den ständig wachsenden Aufgaben Schritt halten. Dazu gehört aber auch, dass der Begriff Menschlichkeit wieder seine Anwendung findet und der Polizist als Mensch, mit all seinen Fehlern und Schwächen, in den Mittelpunkt gerückt wird. Führung bedeutet nämlich auch, die Stärken eines Menschen zu fördern und ihn so einzusetzen, dass seine Schwächen nur marginal in Erscheinung treten. Von daher wünsche ich mir für das neue Jahr 2015 etwas Altes, nämlich ein wieder belebtes Leitbild in der Bundespolizei.

    Ich wünsche allen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr.

    Rolf Schmitt
    KG Heimerzheim

  2. Amen!
    Danke Jörg! Auch wenn´s nichts eigentlich neues ist: es kann gar nicht oft genug wiederholt werden, dass wir uns in den vergangenen, ich würde mal sagen, 25 Jahren, eher genau in die entgegengesetzte Richtung entwickelt haben.

    Ziemlich genau terminieren kann man das sogar auf ungefähr den Zeitpunkt, als man mit den Veranstaltungen zum „Leitbild“ durch die Lande tingelte, alles, was nicht bei 3 auf den Bäumen war, für einen entsprechenden Vortrag zwangsrekrutierte und ziemlich offensichtlich überhaupt nicht begriff, dass man auf dem besten Wege war, etwas eigentlich sinnvolles in das absolute Gegenteil zu verkehren.

    Nicht etwa dort anzusetzen, etwas bewusst vorzuleben, was verantwortungsbewusste Führungskräfte ohnehin beherzigt haben ( an die jüngeren: ja, die gab´s tatsächlich früher auch schon!) sondern eher dort, wo man auch heute bei der „modernen Bundespolizei“ gerne ansetzt: Nicht das Ergebnis ist wichtig, sondern die Darstellung! (Wer jetzt sagt, deshalb haben wir ja mittlerweile die „ergebnisgesteuerte Steuerung“, dem würde ich gerne sagen: „6, setzen! – Immer noch nicht geschnallt!“…)

    Tatsächlich dreht sich doch bereits alles um den „Faktor Mensch“ – Leider nicht so, wie Jörg es hier höchst berechtigt fordert , sondern eher dergestalt, rechnerisch den „Faktor Mensch“ möglichst klein zu halten, um so auch aus dem absurdesten Ansatz noch sogenannte „Vollzeitäqivalente“ auszurechnen, die es dann im Gegenzug in Form des Personalabbaus in die Rechnung einzubringen gilt.

    Oder glaubt jemand, die ganze elende Pausendiskussion der letzten Jahre hat irgend einen anderen Hintergrund?
    Oder, als neuestes Beispiel, der Tritt, den man den Leuten im Jahr ihrer Pensionierung durch die Urlaubs“einsparung“ verpasst.

    Wir sollten nur nicht denken, dass diese Abwärtsspirale bereits beendet ist. Da gäbe es schon noch haufenweise Knüppel aufzulesen, die man uns anschliessend zwischen die Beine werfen kann! (Keine Beispiele an dieser Stelle; denkt euch das gefälligst selbst aus, liebe Politiker bzw. Ministerialbürokraten…)
    Und was glaubt ihr wohl, welche Sogkraft diese Abwärtsspirale entwickelt, wenn man ihr nicht rechtzeitig entschlossen entgegen tritt…?

    In diesem Sinne: Gut, dass das gerade jetzt nochmal erwähnt wurde!

  3. @Rolf Schmitt
    Ich habe zwar nicht auf Wikipedia gesucht, aber auf die Homepage der KG Heimerzheim geguckt, da steht dein Name nicht!

    @Jörg
    Schön das Jörg immer den Mut und die Muße hat, schwierige Themen aufzugreifen, sich Lob und Kritik auszusetzen und eine Vielzahl von Diskussionen konstruktiv zu begleiten vermag.
    Danke Jörg!!! Das ist ein ganz außergewöhnlich gutes und großes Engagement. Dein letzte Wahlergebnis bringt das ebenfalls sehr anerkennend zum Ausdruck, vielleicht vielmehr als ich hier Schreiben könnte….

    Wir wünschen Dir jetzt einige ruhige Tage und ein gutes, gesundes Neues Jahr.
    Mit ganz herzlichen Grüßen im Namen der „Heidjer“
    Marco

  4. @Marco: In Heimerzheim gibt es mehrere KG… einmal von der Akademie und einmal vom Präsidium ;) und das Präsidium hat für die KG Heimerzheim gar keine Homepage, zumindest habe ich da nicht gefunden.

  5. Leider muss man sagen, dass sich diese unheilvolle Merkantilisierung des Menschen nicht nur auf die Bundespolizei beschränkt. In der Zollverwaltung ist es mindestens genau so schlimm. Nach inoffiziellen Angaben sind dort ca. 1200 Arbeitskräfte in Vollzeit mit der Kosten-und Leistungsrechnung betraut. Inzwischen ist man vom Zahlenfetisch etwas abgerückt aber dennoch sind die Zahlen häufig alleinige Entscheidungsgrundlage, wobei das Zustandekommen der Daten überhaupt nicht reflektiert wrid. So kommt es, dass alle Ampeln im Berichtswesen an das Ministerium auf „grün“ stehen, obwohl in einigen Bereichen Alarmstufe Rot das Bild wesentlich realistischer darstellen würde, wie die letzte MItarbeiterbefragung bei der Zollverwaltung mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt hat. In einigen Hauptzollamtsbezirken haben bis zu 70% der in den lezten fünf Jahren neu hinzugekommenen Kollegen zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht noch einmal zum Zoll gehen würden.

  6. @Marcco – Ich bin Vorsitzender der KG Heimerzheim, zuständig für die über 300 Mitarbeiter des Präsidiums in Swisttal-Heimerzheim. Wir betreiben keine Homepage auf der GdP-Seite. Du hast vermutlich auf der Seite der Kreisgruppe AFZ Swisttal geschaut und mich daher dort auch nicht gefunden. Hoffe damit alle Unklarheiten geklärt zu haben.