Von Menschen und Zahlen

Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Jörg Radek, Vorsitzender der GdP, Bezirk Bundespolizei

Kommentar von Jörg Radek, Vorsitzender der GdP, Bezirk Bundespolizei

In dem Gedicht „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren“ von Novalis aus dem Jahre 1800, übt der Autor Kritik an einer Überbewertung der Wissenschaft und des Gebrauchs reinen Verstandes. Er stellt infrage, ob man mit Mathematik das Wesen der Dinge, also die Welt erklären kann.

Über 200 Jahre später ist diese Fragestellung auf die gegenwärtige Bundespolizei übertragbar. In der Wandlung vom Bundesgrenzschutz zur Bundespolizei wurde anscheinend das Gehorsamkeitssystem durch die Zahlengläubigkeit ersetzt.

Wie kam es dazu? – Eine „Schrittmacherrolle“ in Sachen Kennzahlen übernahm die „Kommunale Gemeinschaftsstelle“ (KGSt). Das Ziel damals: Das Erreichen von mehr Effizienz im Verwaltungshandeln.
Ausgangspunkt der Diskussion war eine zunehmende Unzufriedenheit mit den überkommenen Funktionsweisen und Ergebnissen der Kommunalverwaltung bei Bürgern, Politikern und auch bei den Mitarbeitern. Für die Bundespolizei und ihre Vorläuferorganisation wurden solche Managementkonzepte erst spät, nämlich ab 1999, eingeführt – Inzwischen ist man weiter.

Der Politologe und Sicherheitsforscher Prof. Dr. Hans-Jürgen Lange kommt in seiner Arbeit zum selben Thema zu dem Ergebnis: „Die Polizei eignet sich nicht als Feldversuch für die verschiedenen Managementkonzepte von Balanced Scorecard bis Total Quality Management“.
Lange hat die Wirkung der „Neuen Steuerung“ in verschiedenen Projekten erforscht und ist nun Leiter der Deutschen Hochschule für Polizei. Doch selbst in der Kommentierung zur Polizeidienstvorschrift (PDV) 100 „Führung und Einsatz“ heißt es dazu: „Nunmehr wird überall in Deutschland von neuen Steuerungsmodellen gesprochen und die drängenden Finanzkrisen bestimmen das Reformtempo. Alle Modelle verfolgen zwar das Ziel, zu sparen, aber der Weg dorthin führt in erster Linie über die Beseitigung der Ursachen für unwirtschaftliches Verwaltungshandeln.“

Trotz Aufgabenaufwuchs für die Bundespolizei beträgt deren Anteil am Gesamthaushalt des Bundes unter einem Prozent. Dieses Missverhältnis setzt die Ursache.

Die Menschen in der Bundespolizei sind jedoch kein Stückgut. Sie haben ein „Schmerzgedächtnis“ aus den drei Neuorganisationen entwickelt. Dieses Erfahrungswissen stellt Organisationswissen dar.
Die in der Bundespolizei arbeitenden Menschen sollen sich in immer kürzeren Zyklen auf neue Arbeitsaufgaben einstellen. Ihnen wird in gleichem Tempo als einzige Beschäftigtengruppe der Bundesverwaltung abverlangt, ihren Wohnsitz, ihre soziale Bindungen permanent neu zu orientieren. Die übertragenen Polizeiaufgaben an die Bundespolizei werden in einem Planstellenhaushalt nicht abgebildet. Vor diesem Hintergrund Personal zu steuern, also Menschen zu bewegen, sollte man sich bewusst sein: Organisationsgewalt kann nicht mit „Verfügungsgewalt“ über Mitarbeiter übersetzt werden.

Allein dies im 21. Jahrhundert anmahnen zu müssen, sagt viel über den Druck aus, der aufgrund von Personalmangel und Strukturdefiziten auf der Arbeitsorganisation lastet. Wer den Schweigenden „zuhört“, vernimmt die Sorge für die Familien und die Gesundheit. Und den Kreislauf zum Abverlangen sozialer Zumutungen und Überlastungen durchbrechen wir nicht, wenn wir diese auf Kennzahlen stützen.

Solch ein Blickwinkel vernachlässigt nicht nur den „Faktor“ Mensch. Wer sich allein auf Kennzahlen bei der Bewertung der Lage in der Bundespolizei stützt, unterschätzt die zerstörerische Energie auf den Zusammenhalt in der Bundespolizei. Er leitet einen negativen Wettbewerb unter den Menschen ein, der sich über die Dienstgruppen und Dienststellen fortsetzt. Er folgt dem Prinzip: Herrsche und teile! Er verrechnet und rechnet auf.

Am Ende geht die Rechnung aber nicht auf. Um Verbesserungen für die Bundespolizei zu erzielen muss jedoch gelten: Nur gemeinsam sind wir stark!

Share

Themenbereich: Über den Tellerrand | Drucken

1 Kommentar
Eure Meinung zu diesem Beitrag ist uns wichtig: »

  1. Die 14 Krankheiten der Kurie

    Was hat die Kurie mit der Bundespolizei zu tun? Und dürfen wir die durch den Papst veröffentlichten Missstände für eine Fehlerkultur in der Bundespolizei heranziehen? Haben wir ähnliche Entwicklungen in der Bundespolizei zu erwarten oder bereits zu verzeichnen?

    Wenn ich unehrlich wäre, würde ich sagen, dass das alles auf die Bundespolizei nicht zutrifft. Aber ich habe versucht, die einzelnen Kritikpunkte von Papst Franziskus an seiner Kurie zu verstehen. Und glaubt mir, ich habe für fast jeden Punkt plastische Beispiele gefunden, die unseren bundespolizeilichen Alltag bestimmen:

    Die Bundespolizei ist weit entfernt von einer beschriebenen oder gar gelebten Fehlerkultur. Die Umsetzungsquote kritischer Mitarbeiter steigt von Jahr zu Jahr. Und Erneuerungsversuche von „unten“ sterben in Leitungsvorlagen oder versickern in der Behördenhierarchie.
    Die Zahl Derjenigen, die täglich unmittelbar den gesetzlichen Auftrag der Bundespolizei erfüllen, nimmt ständig ab. Aufgabenzuwächse, zusätzliche und neue Verwendungen, Schattenstrukturen. Was für sie bleibt, sind Zahlenberge des Controllings, Determinanten und Flexibles Arbeitszeitmanagement.
    Es vergeht kein Tag in der Bundespolizei, an dem nicht irgendwo ein Konzept oder eine Dienstanweisung auf den Markt geworfen wird. Diese Regelungswut tötet die Kreativität unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, lässt ihnen kaum noch Entscheidungsräume und entmündigt sie geradezu.
    Es führt aber auch zu einer zunehmenden kollektiven Verantwortung, worüber Führungskräfte oftmals recht froh sind. Das hat aber auch zur Entfremdung vieler Führungskräfte vom polizeilichen Alltag geführt. Kluge Entscheidungen, fachliche Unterstützung und Anleitung finden kaum noch statt, sie wurden durch rhetorische Künste abgelöst.
    „Wenn das eigene Aussehen, die Farbe der Gewänder oder Ehrentitel zu den wichtigsten Zielen im Leben werden“ … – an dieser Stelle dürfte ein Verweis auf das Intranet genügen. Die Selbstdarstellung der Bundespolizei nach Innen erreicht manchmal die Grenze des Unerträglichen. Ich habe in meiner Laufbahn noch nie erlebt, dass ein Kontroll- und Streifenbeamter, ein Ermittlungsbeamter, Bearbeiter oder Sachbearbeiter feierlich in sein Amt eingeführt wurde. Oder habe ich da etwas verpasst?

    Einen von Papst Franziskus angesprochen Vergleich von Vorgesetzten mit Göttern möchte ich nicht kommentieren, das ginge zu weit. Und es würde auch ungerechterweise Führungskräfte „treffen“, die sich den täglichen Sorgen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stellen, sie unterstützen und anleiten. Aber die Zahl derer sinkt stetig. Hier wäre ein echtes Betätigungsfeld für Controlling gegeben!?

    Am Ende komme ich zurück auf Jörg Radek:
    „Die Menschen in der Bundespolizei sind kein Stückgut.
    … Nur gemeinsam sind wir stark.“