Überlastung und Hingabe verpflichten

Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Von Jörg Radek, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bezirk Bundespolizei

Das Verhältnis zwischen dem, was den Menschen in der Bundespolizei heute physisch, psychisch und familiär abverlangt wird, und dem, was ihnen als Ertrag ihrer Arbeit und Rücksichtnahme auf ihre Belange zugebilligt wird, geriet aus den Fugen.

Die Umbenennung des Bundesgrenzschutzes vor zehn Jahren wies den Weg in die Zukunft. Doch kennzeichnend ist, dass der Bundespolizei stetig neue, zusätzliche Aufgaben übertragen wurden, ohne dass der Bundestag dafür zusätzliches Personal zur Verfügung stellte. Die Strukturdefizite blieben. Trotz Aufgabenzuwuchs beträgt der Anteil am Gesamthaushalt unter einem Prozent. Dieses Missverhältnis stellt die Ursache dar. Im Stellenplan der Bundespolizei sind heute wesentlich mehr Arbeitsplätze ausgewiesen, als die Bundespolizei überhaupt Mitarbeiter haben darf. Weder Bundesregierung noch Bundestag reagierten bisher darauf. Im Gegenteil: Liest man manchen Beitrag zur Haushaltsdebatte 2015 nach, stellt sich dem Leser die Frage, von welcher Bundespolizei die Rede ist? Es gibt nach wie vor eine übergroße Spanne zwischen polizeilichen Aufgaben und Personal. Und seit Jahren ist die Arbeitswelt in der Bundespolizei durch das Berufsbild „Bundespendler für innere Sicherheit“ geprägt. Krankenstand und die Überalterung wirken sich auf die Einsatzfähigkeit der Bundespolizei aus.
In der Presse wurde in der Vergangenheit wiederholt auf die Problemlage der Polizei hingewiesen. So schrieb Detlef Esslinger Ende 2010 in der „Süddeutschen Zeitung“: „Wer sich als junger Mensch überlegt, Polizist zu werden, der sollte folgende Eigenschaften mitbringen: Fähigkeit zu 30-Stunden-Diensten im Wendland; Bereitschaft, seine Notdurft im Wald zu verrichten und sich dabei von Demonstranten filmen zu lassen; Überlastung und Hingabe verpflichten genug Kondition, um bald darauf Flughäfen und Bahnhöfe vor al-Qaida zu schützen; Duldsamkeit, um kurzfristige Urlaubssperren einzusehen.“ Doch um Nachwuchs zu gewinnen, bedarf es mehr! – Es bedarf vor allem zufriedener Mitarbeiter.

Die Ergebnisse der Studie „Klartext 2010“ zur Berufszufriedenheit in der Bundespolizei aus dem Jahr 2011, die seitens unserer Gewerkschaft der Polizei verantwortlich auf den Weg gebracht wurden, sind hierzu klar und eindeutig: Nur etwa ein Fünftel der Mitarbeiter glaubt, dass es der Bundespolizei gelingen wird, notwendiges Personal zu gewinnen. Nur etwa ein Viertel würde beispielsweise seinen Kindern empfehlen, sich für den Dienst in der Bundespolizei zu entscheiden. Nur etwa zwei Fünftel würden sich selbst noch einmal für diesen Dienst entscheiden. – Soweit zu diesen Kernaussagen. Und wie sieht es bei denen aus, die die polizeiliche Auftragserledigung unterstützen? Das durchschnittliche Lebensalter unserer Tarifbeschäftigten beträgt 48,38 Jahre.

Seit 1993 haben wir in der Verwaltung mehr als ein Viertel der Stellen verloren. Ausgebildeter Nachwuchs wandert zu attraktiveren Arbeitgebern ab. Doch die Arbeit muss trotzdem erledigt werden. Die Menschen in der Bundespolizei weichen der Auseinandersetzung mit dem polizeilichen Gegenüber nicht aus. Die Menschen in der Bundespolizei erledigen die ihnen aufgegebenen Arbeiten mit voller Hingabe. Und genau dieses Engagement ist eine Verpflichtung für das Ministerium sowie das Parlament, die Defizite in unserer Verwaltung, im vollzugspolizeilichen Bereich, in allen Entgelt- und Laufbahngruppen endlich anzupacken und zu lösen.

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Themenbereich: Finanzielles & Laufbahn | Drucken

8 Kommentare
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  1. Bundespolizei vs Landespolizei

    Ein Beispiel:

    50 Lebensjahre, 32 Dienstjahre, POM in der Bundespolizei.

    50 Lebensjahre, 32 Dienstjahre, POK im Land Bayern

    Beide Beamte haben mittlere Reife, sind Kollegen und haben gleichzeitig mit der Ausbildung angefangen.

    Beide leisten guten Dienst, haben keine Disziplinarverfahren oder sonstige Verfehlungen.

    Ergebnis: Dem BMI Bund scheint eine solche Entwicklung in Personalfragen egal zu sein.
    Ergebnis Land Bayern: Es wird sich um Personalentwicklung gekümmert.

    Wie las ich doch vor kurzem von amtlicher Stelle: Es gibt keinen Beförderungsstau in der Bundespolizei.

    Hm, so so ….

  2. Hallo Kollege Radek,

    der Artikel ist zwar sehr gut geschrieben und gibt auch das wieder, was wir jeden Tag in unserem Dienst vorfinden. Dieses entspricht aber laut Ansicht der Behörde Bundespolizei offensichtlich nicht unbedingt der Wahrheit.
    Wenn man sich mal die Seite der BPOL anschaut, dann sind dort die ersten Ergebnisse der Studie 2014: „Einstellung zu Arbeit und Beruf in der Bundespolizei“ veröffentlicht. Und daraus geht ein anderes Urteil hervor. Hier sind 75 % der Mitarbeiter/ innen mit den Bedingungen innerhalb der Behörde zufrieden bzw. sehr zufrieden. Dieses ist in einer repräsentativen Umfrage von 950 Kollegen/ innen von insgesamt 40.486 Beschäftigten so festgestellt worden. Und diese 950 Kollegen / innen können doch wohl nicht lügen??!!
    Eigenartig ist, dass ich mich mal intensiv innerhalb meiner Inspektion bei den schichtdienstleistenden Beamten umgehört habe und niemanden gefunden habe, der überhaut jemals an dieser Studie teilgenommen hat. Der Herr Präsident Roman feiert jedoch diese Ergebnisse so, als wenn in unserer Behörde alles gut ist.
    Lieber Koll. Radek, entweder siehst Du das so, was auch Richtig ist, oder in den Führungsetagen unserer Behörde verschließt man noch immer die Augen vor den offensichtlichen Missständen.
    Wir warten mal ab, was sich jetzt nach dieser Studie so alles für uns ändern wird. Erste Schatten sind dabei schon in Form vom Einsatz bei Fußballbegleitung erkennbar, welche jetzt wohl wieder durch die operativen Kräfte der Inspektion geleistet werden sollen. Dabei ist anzumerken, dass der Altersdurchschnitt in den Dienstgruppen bei über 50 Jahre liegt. Was sagte eine jugendlicher Fan beim letzten Einsatz zu einem Kollegen „Opa, hast wohl am Wochenende nichts anderes zu tun“.
    Nee haben wir nicht, weil laut Meinung unserer Behörde es uns gutgeht!!!!

    (Wer Rechtschreibfehler findet, der kann sie behalten!!)

  3. Es gab in unserer Behörde eine „Studie 2014“?
    Nach Recherche durch alle Dienstgruppen habe ich tatsächlich einen (!) Kollegen gefunden, der im vergangenen
    Jahr tatsächlich an einer Umfrage teilgenommen hat.
    Das nenne ich mal repräsentativ!!! Einfach nur lachhaft!!!

  4. Das läuft bei der Bundeswehr (Quelle Tagesschau.de)

    Ministerin von der Leyen will die Bundeswehr zu einem attraktiveren Arbeitgeber machen, mit geregelten Arbeitszeiten, Beförderungschancen und Altersbezügen.

    „Zum ersten Mal haben die Soldatinnen und Soldaten eine geregelte, moderne Dienstzeitordnung“, sagte von der Leyen. „Aber auch in Themen, die wichtig sind wie Sold, wie Rentenversicherung, Vereinbarkeit von Dienst und Familie, Laptops, also alles Selbstverständlichkeiten in anderen Unternehmen, die müssen wir hier im Grundbetrieb haben.“

    Was ist mit der Bundespolizei?

    Was ist mit der Attraktivität des Berufes „Polizeibeamter“ bei der Bundespolizei?

    Was ist mit den Neueinstellungen? Welche Zukunft haben sie?

    Über Jahre hinweg diskutieren wir den Beförderungsstau im Bereich A8 (Polizeiobermeister). Allein der Umstand, dass viele die Problematik nicht einmal anerkennen wollen, lässt die Problemlösung in weite Ferne rücken.

    Welche Attraktivität soll das bitte sein, wenn Kolleginnen und Kollegen 15, 20 oder mehr Jahre auf ihre Beförderung nach A9 warten müssen?

    Welcher attraktive Arbeitsplatz soll das bitte sein, wenn im mD, Kolleginnen und Kollegen in den teuersten Regionen in Deutschland, mit der Besoldung in A8, finanzielle Engpässe haben?

    Da bringt einem die tolle Infrastruktur auch nicht viel, wenn am Monatsanfang 1.000 Euro und MEHR an Miete abgezogen wird! Wenn die Grundstückspreise bei 300 Euro pro m² und MEHR liegen…usw.!

    Was soll den Kolleginnen und Kollegen der Dienstposten A8/A9/A9mZ bringen, wenn diese auf der ersten Sprosse „festkleben“?

    Wir müssen endlich die Probleme, gerade im Bereich der Beföderung, von unten nach oben lösen!

    An dieser Stelle bleibt nur noch die Gewerkschaft der Polizei!

    Wer sonst nimmt sich dieser Problematik an?

    Wer sonst steht an der Seite unserer Kolleginnen und Kollegen?

    Was bei der Bundeswehr angestoßen wurden, müssen wir für die Bundespolizei auch einfordern!

  5. Ich traue Studien, die durch meinen Arbeitgeber initiiert werden, nicht weiter, als von der Wand bis zur Tapete. Diese Schönrederei ist ein Politikum, nichts anders ist der Fall. Wir werden im operativen Dienst verheizt, verfeuert und nach dem Wenden ein drittes Mal entzündet, bis nichts mehr übrig ist. Zufriedenheit? Doch, die gibt es, aber nicht in dem Maße, wie durch die BuPo Studie dargestellt wird. Natürlich gibt es Kollegen, die „es geschafft“ haben und zufrieden sind und sein dürfen. Sei es jedem gegönnt. Doch die weit größere Masse ist es nicht.

    Wir sind kein moderner Arbeitgeber! Dass, was die Bundeswehr schmerzlich erfahren durfte, und nun verbessert werden soll, davon sind wir weit entfernt. Ich wäre auch dafür einen Bundespolizeibeauftragten ohne „Sprachregelung“ und Maulkorb zu installieren, um Missstände offen, direkt und schonungslose nach oben durchzusteuern, ohne die zahlreichen – sehr gut bezahlten – Filtern dazwischen zu schalten.

    In der Bundespolizei herrscht auch eine „lupenreine Demokratie“, so lange man den Mund hält oder mit berechtigter Kritik nicht an den Falschen gerät.

    Ich bin fast 50, über 30 Dienstjahre, Polizeiobermeister mit null Perspektive, was den Weg nach oben angeht, oder aus eigener Kraft aus dem Schichtdienst herauszukommen. Meine persönliche Zielvorgabe wird es nun sein, gesund zu bleiben, denn immer mehr Kollegen werden schwer krank und viele Krankheiten sind sicherlich auch stressbedingt. Von meinem Arbeitgeber erwarte ich nichts mehr, dafür dauern die Enttäuschungen bereits zu lange an.

    Ich versehe meinen Dienst ordentlich, der Bürger hat einen Anspruch darauf! Aber die Hoffnung, dass es besser wird, habe ich verloren.

  6. Hallo No Nik, ich gebe Dir voll und ganz Recht. Ich habe selber über 30 jahre Schichtdienst auf dem Buckel, aber für das Wohl und die Gesundheit für die Schichtler ist seit 30 jahren nichts geschehen. Es wurden eher kürzungen vorgenommnen. Es wurden keine Gesundheitskuren bzw. mehr freie Tage für den Wechseldienst eingeführt. es wurde nur an allen Ecken und Kanten ( mehr Stunden, weniger Zu, schlechterer DUZ, wegfall Urlaub,Weihnachtsgeld, längere lebensarbeitszeit, schlechtere Besoldungsstuffen usw. eingeführt). Für den Einzelnen Beamten ist wie immer kein Geld dar, Haupsache Griechenland wird gerettet.

  7. Ich bin grade dabei nach 23 Jahren Schichtdienst eine Kur zu bekommen. Wegen Problemen mit dem Schlaf haben wir den Antrag eingereicht. Von der Heilfürsorge kam natürlich gleich die Erkenntnis, dass eine Kur angeraten ist. Ein Fragekatalog muss aber zusammen mit einem Psychater beantwortet werden. Anstatt einem Kollegen einfach eine Erholungskur für Schichtdienst zu gönnen, wird man zum Psycho abgestempelt. Einfach nur Entwürdigend, allerdings passt das zur Karriere dazu (27 DJ) POM.
    Nicht nur der Schichtdienst macht krank, sondern das ganze System, oder?

  8. @Werder Wolle:
    Ich weiß wovon du sprichst.
    Zumal ein Termin bei einem Facharzt zum Ausfüllen des Fragebogens mal nicht von heute auf morgen möglich ist. Wartezeiten bis zu einem halben Jahr sind hier normal.
    Seltsamerweise werden in anderen Berufssparten, in denen Wechseldienst geleistet wird, beantragte Kuren relativ zügig und ohne großen Aufwand befürwortet.
    Offensichtlich werden in unserer Behörde höhere Ausfallzeiten durch Krankheit in Kauf genommen als Prävention zu betreiben.
    Wer viele Jahre im Wach- und Wechseldienst war, sollte nicht nur beruflich, sondern auch gesundheitlich gefördert werden.