Pendeln schadet der Gesundheit

Aus der impuls Ausgabe 9/2015 der Hans Böckler Stiftung

Pendeln birgt Risiken für die Gesundheit: Wer lange zur Arbeit unterwegs ist, fühlt sich weniger fit und geht häufiger zum Arzt.

Arbeitswege

Sich täglich durch den Berufsverkehr zum Arbeitsplatz und zurück zu quälen,kann nicht nur schlechte Laune, sondern auch krank machen. Zu diesem Ergebnis kommt Annemarie Künn-Nelen von der Universität Maastricht in einer empirischen Untersuchung.* Die Ökonomin kann zeigen, dass zumindest das subjektive Wohlbefinden mit zunehmender Pendeldauer abnimmt, während die Zahl der Arztbesuche wächst. Bei Autofahrern und Frauen sind die Auswirkungen besonders gravierend.

Pendeln sei in der modernen Arbeitswelt extrem weit verbreitet, wobei die durchschnittliche Dauer über die Zeit zugenommen habe, schreibt Künn-Nelen. Ein Grund: Angesichts immer mehr befristeter Verträge lohne es sich für viele Arbeitnehmer kaum noch, für einen neuen Job umzuziehen. Wie sich die immer längeren Anfahrtswege gesundheitlich auswirken, hat die Forscherin anhand von Daten des British Household Panel Survey aus den Jahren 1991 bis 2008 untersucht. Ihre Analyse basiert auf Angaben von über 14.000 abhängig Beschäftigten zwischen 18 und 65 mit Vollzeitstelle, die per Bus, Bahn oder Auto zur Arbeit gelangen. Wenn Einflüsse des Alters, des Geschlechts, des Familienstands, der Qualifikation und der Betriebszugehörigkeit herausgerechnet werden, wirkt sich die Pendeldauer signifikant auf die Zufriedenheit mit der Gesundheit und die Einschätzung des persönlichen Gesundheitszustands aus. Je länger Beschäftigte unterwegs sind, desto unzufriedener äußern sie sich und desto negativer fällt ihre Selbsteinschätzung aus. Außerdem steigt die Zahl der Besuche beim Hausarzt.

Als besonders belastend erweist sich das Pendeln mit dem Auto: Während das Anreisen in öffentlichen Verkehrsmitteln keine messbaren Folgen hat, beeinträchtigt Autofahren nicht nur die Zufriedenheit und die Werte bei der Selbsteinschätzung, sondern geht auch noch mit einem signifikant erhöhten Body-Mass-Index einher. Bei Frauen hat langes Pendeln darüber hinaus Auswirkungen auf die tägliche Bewegung und die Zahl der Krankmeldungen. Künn-Nelen erklärt das mit der größeren Belastung durch Haushalt und Kinder, die weibliche Beschäftigte vom Sport abhält. Zudem deuteten Studien darauf hin, dass Frauen Pendeln als stressiger empfinden. Angesichts der gesundheitlichen Risiken empfiehlt die Autorin, lange Anfahrtszeiten zu reduzieren. Betriebe könnten sich bemühen, Pendeln außerhalb der Stoßzeiten zu ermöglichen – oder Heimarbeit erlauben.

(*Quelle: Annemarie Künn-Nelen: Does Commuting Affect Health? IZA Discussion Paper Nr. 9031, April 2015)

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6 Kommentare
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  1. Manchmal frage ich mich was hier bezweckt wird?
    Ja, pendeln schadet der Gesundheit. Dann muss man eben umziehen. Diese ach so böse Forderung ist ein ganz normaler Schritt, den zig tausende Schulabgänger, Berufseinsteiger, Studenten in der ‚freien Wirtschaft‘ machen. Der Bundespolizist muss nicht alle zwei bis vier Jahre umziehen. Jedoch kann ein Umzug im Berufsleben notwendig sein. Der Arbeitgeber (Bund) zwingt einen nicht ständig zum Umziehen; aber das Berufsbild erfordert es hin und wieder.
    Pendeln ist ungesund.
    Wir können glücklich sein, dass uns der Umzug voll gezahlt wird.

  2. Lieber BePO!
    Ich möchte Dir im Grundsatz keinesfalls widersprechen, aber ich möchte Deinen Kommentar auch so nicht stehen lassen.
    Bitte versuche mal, in Hochpreisregionen Deutschlands, die wegen ihrer Kaufpreisindizes auch hohe Miet- und Kaufpreise aufrufen (das sind nicht zwangsläufig „nur“ die Schwerpunktdienststellen oder Ballungsräume), einen auch für Familien bezahlbaren Wohnraum zu finden, der im unmittelbaren Umfeld zur Dienststelle liegt… Genau diese Rahmenbedingungen liegen nicht überall vor und als GdP ist es auch unser Anliegen, diese Rahmenbedingungen zu beeinflussen. Ob nun mit finanziellen Zuschüssen oder eben durch die Bereitstellung vergünstigten Wohnraums sei an dieser Stelle dahingestellt. Immer einen mangelnden Umzugswillen zu unterstellen, greift in diesem Zusammenhang zu kurz!
    Im Übrigen hat dieses Bild der Unzufriedenheit mit den Anfahrtswegen zum Dienst auch unsere Klartextstudie aufgezeigt.
    Herzliche Grüße
    Judith

  3. Danke BePo….Annemarie Künn-Nelen sollte sicher andere Studien betreiben und nicht die Frauen in ein falsches Licht rücken. Ein erhöhter Body-Mass-Index hat sicher etwas damit zu tun, dass man (frau) zu viel an Essen zu sich nimmt. Aber Pendel von A nach B ist doch sehr weit hergeholt. Und eine „Selbsteinschätzung“ ist auch immer sehr subjektiv gefärbt. Und wer hat schon in der Bundespolizei-Familie einen befristeten Vertrag? Seit 2008 hat sich doch schon Einiges getan beim Behördlichen Gesundheitsmanagement…oder?

  4. @ BePo

    Lieber Kollege, in meinen Augen kann eine solche Aussage nur von jemandem kommen der entweder sehr jung und ungebunden oder der einzige Lebensinhalt seine Arbeit beinhaltet.

    Ein jeder andere schlägt einen normalen Lebensweg ein. Man hat Familie, evtl Eigentum, Kinder, Freunde, Heimat.
    Der Partner hat eine feste Arbeitsstelle und das Einkommen ist Notwendig, die Kinder gehen zur Schule mit einem Lehrplan der nur in dem jeweiligen Bindesland existiert. Dazu haben auch diese Menschen einen gewachsenen Freundeskreis die unerlässlich sind für das soziale Wohlbefinden.
    Weiterhin verfügen auch viele über Immobilien, die bei Kauf nicht nur die Erfüllung eines Lebenstraumes an einem bestimmten gewählten Ort sind, sie verpflichten auch zumeist zu langen finanzillen Verpflichtungen.

    Kein 20 jährigee wird sich groß über pendeln beschweren, es sind die Menschen reiferen Alters, die keine andere Wahl haben.
    Menschen die völlig normal irgendwann sesshaft geworden sind, weil wir Menschen nunmal so sind.

    Wenn nun der Faktor Verlust, Stress, mangelnden familiären Kontakt, finanzielle Belastung dirch Sprit oder Zweitwohnung etc dazu kommt, dann belastet die sehr.
    Die Psyche wird krank, danach der Körper.
    Das ist ein normaler vorhersehbarer Vorgang für jemanden der seine oben genannten Bezugspunkte liebt.

    Ich denke du kannst dir garnicht ausmalen wie schlimm das für die betroffenen Kollegen ist und was es heißt in einem gewissen Alter wieder neu zu beginnen.

    Einen alten Baum verpflanzt man nicht, sagt ein altes Sprichwort.
    Lass es dir mal durch den Kopf gehen.

    Gruß und Mitleid für viele Kollegen

  5. Den Ausführungen von @BePo, dass Schulabgänger, Berufseinsteiger und Studenten umziehen sollten, stimme ich voll zu. Deutschland lebt vom Innovationsaustausch junger Menschen, welche sich schnell woanders einleben können. Was dagegen Menschen im fortgeschrittenen Alter angeht, haben die drei anderen Schreiber ebenso Recht.
    Der „dickste Hund“ kommt aber noch: Das Wegbrechen der persönlichen Infrastruktur aus Verwandten und alten Freunden! Da der Deutsche von Natur aus umzugsunwillig ist, wird man am neuen Wohnort nur selten Verwandte oder verlässliche Freunde vorfinden. Da ist z. B. keine Oma, die bei einem Schul- oder Kita-Streik einspringt. Auf zeit- und kostensparende Freundschaftsdienste muss man dann verzichten. Einheimische haben auf einen nicht gewartet und haben vorgeblich immer keine Zeit. Fremdenfeindlichkeit in Deutschland ist meist sehr subtil und selten offen. Ein „Frontier-Bewusstsein“ wie in den USA existiert hier nicht. So lehnen Einheimische gerne auch eigene angebotene Hilfsdiente ab („das macht mein Schwager schon für mich“). Da mit einem „Umparken im Kopf“ nicht zu rechnen ist, hat der Zugezogene vor Ort nur Zeitstress und ständig ein leeres Konto. Dann nehme ich lieber den Stress eines Tagespendlers auf mich, verpulvere das Spritgeld auf der Autobahn, wohne dann aber in einem schönen Einfamilienhaus in ehemaliger Zonengrenznähe anstatt in einer 3-Zimmer-Plattenbauwohnung in Frankfurt oder München.

  6. Lieber BePO
    ich kann deinen Ausführungen in einigen Punkten folgen. Ja, du hast recht wir sind Bundesbeamte. Aber auch uns muss es gestattet sein uns irgendwann an einem Ort, der uns und nicht unbedingt dem Dienstherren gefällt nieder zulassen. Ich selbst muss auch seit mehr als 20 Jahren zwischen Dienstort und Wohnort pendeln. Ich binde da auch immer 2 Stunden ans Bein. Das ist aber noch lange kein Grund näher an meinen Dienstort zu ziehen. Ich lebe in einer kleinen aber feinen Stadt in Meck/Pom. Im eigenen Haus mit Garten.
    Mein Dienstort ist die Dritt größte Stadt in Meckelnburg. dort hinziehen? Niemals!!!
    Ich stimme „Ludolf “ voll zu. Mein (unser ) Freundeskreis würde wegbrechen.
    Ich hab für mich beschlossen meine letzten 8 Dienstjahre weiter zu pendeln.
    Dass ich auf Grund des Pendelns öfter zum Arzt gehen muß kann ich übrigens nicht behaupten.
    Im übrigen finde ich solche Studien Überflüssig.