Funk in der Sackgasse?

Die Bundespolizei plant den Ausstieg aus dem Analogfunk und verkündete bereits vollmundig die 95 prozentigen Abdeckungen mit Digitalfunk. Aber was ist mit den restlichen 5 Prozent. Weiße Flecken in der Peripherie? Leider nicht! Gerade an den Brennpunkten der stark frequentierten Bahnhöfe, mitten im Ruhrgebiet, reicht der Digitalfunk nur knapp bis hinter die „Eingangstür“

Ein junger Kollege beklagt: „In den letzten Wochen / Monaten hat die Qualität des in den Ruhrgebiets Bahnhöfen genutzten Analogfunks drastisch abgenommen. Je nach Wetterlage kann es zum Totalausfall kommen. Außerdem gibt es zunehmend mehr Bereiche in den Hauptbahnhöfen, die durch den Analogfunk nicht mehr abgedeckt sind. Des Weiteren sind die Funkgeräte bzw. Akkus veraltet. Nach kurzem Gebrauch ist deren Kapazität erschöpft. Zu größeren Lagen müssen wir mehrere Akkus mitnehmen. Diese sind jedoch nur in einer begrenzten Stückzahl vorhanden. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Analogfunk nur noch stark eingeschränkt nutzbar ist.“

Die Bundespolizei hat nach eigenen Angaben massiv am Netzausbau des Digitalnetzes gearbeitet aber wie stellt sich das in der Praxis dar? „Auch der dienstlich gelieferte Digitalfunk stellt momentan keinen Ersatz für den Analogfunk dar. Eine Netzabdeckung für die Bahnhofsgebäude im Zuständigkeitsbereich ist nicht gewährleistet.“

Der fehlende „Inhouse“ Versorgung mit Digitalfunk ist besonders Problematisch. Die Inspektion Dortmund ist bundesweit unter den ersten fünf Inspektionen, was die Angriffe / Widerstände auf Polizeivollzugsbeamte angeht. Durch eine Vielzahl von Mannschaften, der höheren Fußballspielklasse, im Ballungsraum „Ruhrgebiet“ und einer abnehmenden Anzahl an Unterstützungskräften, sind die Probleme für die Beamten in den Revieren dramatisch.
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Alternativ führen Streifen ein Diensthandys mit. Bei Widerständen oder Auseinandersetzungen ist ein Handyeinsatz jedoch sehr schlecht, bis gar nicht praktikabel. Ein Handy muss aus der Hosentasche gekramt, die Tasten entsperrt, die Nummer gewählt und auf das Freizeichen gewartet werden. Bei einer funktionierenden Funkverbindung entfällt dieses zeitraubende Prozedere – ein „digitaler“ Notruf könnte sofort abgesetzt werden.

Ein drastisches Beispiel für den nicht funktionierenden Digitalfunk in Gebäuden ereignete sich im November 2014 im Essener Hauptbahnhof. Anlässlich der Regionalligabegegnung Rot Weiß Essen – Fortuna Düsseldorf kontrollierten Kollegen der MKÜ Sankt Augustin einen Düsseldorfer Fan, der einen Bundespolizisten zuvor beleidigt hatte. Sofort solidarisierten sich weitere Düsseldorfer gegen die Einsatzkräfte und griffen diese mit Faustschlägen und Fußtritten an.

Im Verlauf der gewalttätigen Auseinandersetzungen wurde ein 36-jähriger Bundespolizist hinterrücks gewürgt und verlor hierdurch sein Bewusstsein. Einsatzkräfte am anderen Ende des Bahnhofs konnten damals nicht zur Hilfe gerufen werden, weil der Digitalfunk nicht funktionierte. Erst Nachdem ein „Melder“, die Einsatzkräfte am anderen Ende des Bahnhofs, persönlich, informiert hatte, konnten diese ihren Kollegen zur Hilfe eilen.

Diese lebensbedrohlich Situation zeigt einmal mehr, dass die die körperliche Unversehrtheit unserer Kollegen von einer funktionierenden Funkanbindung abhängt. Durch den flächendeckenden Einsatz von s.g. Repeatern lässt sich mit wenige Tausende Euro, die Sicherheit für Leib und Leben unserer Kollegen entscheidend verbessern. Das sollte dem Dienstherrn eigentlich seine Mitarbeiter wert sein.
Jürgen Lipke

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Themenbereich: Ausstattung & Ausrüstung | Drucken

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  1. Die bundesweite Implementierung des TETRA-BOSA-Mobilfunk ist sicherlich kein Ruhmesblatt der bundesdeutschen und 16 länderspezifischen Exekutive. Anstelle einsatzorientierter Praxislösungen geht es im Verwaltungs- oder ministerialen Hintergrund sehr oft nur um persönlichen Einfluss, föderale Egoismen und viel zu wenig Geld. Ein Hauptgrund für den verzögerten Digitalfunknetzausbau, der zur Fußball-WM 2006 eigentlich schon abgeschlossen werden sollte, war der Kostenschlüssel zwischen Bund und den Ländern. Von wegen wir tun alles für die innere Sicherheit!

    Das Thema Erreichbarkeit innerhalb von Gebäuden über spezifische Objektfunk-Ansätze kann seit Jahrzehnten bei lokalen Feuerwehren besichtigt werden, die mit identischer BOS-Funktechnik arbeiten. Sowohl analog und digital. Gemäß länderspezifischer Brandschutzgesetzgebung werden Bauträger von öffentlich zugänglichen Liegenschaften (Einkaufszentren, Fußballstadien, neue Parkhäuser, Konzertarenen, uvm.) bei unzureichender BOS-Funkerreichbarkeit vor der Eröffnung verpflichtet, über diverse Technologiekonzepte auf eigene Kosten für eine zusätzliche BOS-kompatible Funkinfrastruktur (Objektfunklösungen) vom Keller bis zur höchsten Etage z.B. auch in verwinkelten Treppenhäusern zu sorgen.
    Der eigentlich Skandal ist das die Deutsche Bundesbahn (mit dem Bund als noch Haupteigentümer) eine digitalen Objektfunkerweiterung innerhalb ihrer Liegenschaften (z.B. innerhalb von S- und Fernbahnhöfen) nicht bezahlen will. Das Gejammere von Polizeivertretern ist allerdings auch scheinheilig, da diese Rahmenbedingung seit Jahren als bekannt voraus gesetzt werden darf. Wie so viele Defizite im polizeilichen Alltag (Überstunden, Personalmangel, Überalterung, fehlende Aufstiegsperspektiven, reduzierte Fachausbildungen, etc.). Gewerkschaftsarbeit ist manchmal kein Honigschlecken, erst recht kein Karriereweg auf der Überholspur. Wer mit den Polizeioberen oder der hohen Politik mit am Tisch sitzt, sollte als echter Gewerkschafter niemals seine ursprüngliche Funktionsrolle vergessen. Es ist der unmittelbare Interessenvertreter seiner Kollegen! Das ist ohne Rückgrat und persönlich überdurchschnittlichen Einsatz nicht nachhaltig abzudecken.

    Das es beim BOS-Objektfunk auch anders geht, erlebt gerade die Bundespolizei in den deutschen Flughäfen 8mit der öffentlichen Hand als Eigentümer). Dort ist eine digitale Erreichbarkeit im gesamten Areal; vom Tiefkeller über Inhouse-Büros, und im nahtlosen Übergang zum TMO-Freifeldfunk nicht nur direkt vor sämtlichen Flughafengebäuden für alle BOS gewährleistet. Und wenn doch nicht vollständig; muss die Frage nach hoffentlich angemessen durchgeführten Erreichbarkeitstest durch jede tangierte BOS im erweiterten Probebetrieb hinterfragt werden, was jeden netzabschnitt-relevantem Wirkbetrieb für mindestens sechs Monate vorgeschaltet war.

    Her Lipke; bitte keine unnötigen Nebenkriegsschauplätze „wie Digitalfunk hat nicht funktioniert“ oder der Ruf nach Repeater-Lösungen bei ausgedehnten Liegenschaften über mehrere Etagen (z.B. Ladenzeile oben, und Bahnsteige unten). Das wäre z.B. bei den erwähnten Hauptbahnhöfen funktechnischer Müll und fördert eine gefährliche nur punktuell verlässliche Teillösung. Nach der Umwandlung der DPolH in Münster in eine reine Ausbildungseinrichtung, mit gleichzeitigem Wegfall eigener dort vorher strategisch vorhandener IT- und TK-Kompetenz ein weiteres trauriges Ergebnis eines 8-intern-) unwidersprochenen Spardiktats der Politik.

    Weil die staatliche Legislative(n) von Anfang an nur eine gewährleistete TETRA-Digitalfunklösung (GAN 0) für den Funksprechregelbetrieb aus Fahrzeugen (mit physisch anderen Antennenverhältnissen auf dem Blechdach als bei einem Handfunkgerät in der Brusttasche oder sogar nur am Hosengürtel) im Auge hatte, ist die Bundespolizei auf das Netzausbauprinzip einzelner Bundesländer angewiesen. Es ist ja kein Geheimnis, das hier sich die 16 Bundesländer deutlich nicht nur bei der Anzahl der dicht verteilten TMO-Basisstationen unterscheiden.
    Bundesweit nur insgesamt 4500 TETRA-Basisstationen im Vergleich zu über 20.ooo GSM-Antennenstandorten bei nur einem einzigen Mobilfunknetzbetreiber ist halt funktechnisch bzw. physikalisch nicht gleichwertig.